Alice
~Schnee
Weißt du wie es ist wenn du zu schwach bist zu rennen, zu stehen, zu schreien, zu sterben? Du bist zu schwach um dich zu bewegen, du liegst einfach nur da, mit offenen Augen. Tränen laufen dir die zarten Wangen hinunter weil du genau weißt, dass du nichts tun kannst außer dazuliegen und darauf zu warten, dass etwas passiert.
Irgendetwas. Dein Herz schlägt, du hörst es schlagen, langsam aber fest. Es schlägt und du lebst.
Lebst du? Du liegst nur da und kannst dich nicht rühren. Kein Laut dringt über deine Lippen, kein befreiendes Schluchzen. Deine Augen starren ins Leere.
Du hast schon so viel gesehen, so viel erlebt, dass du einfach nicht mehr kannst. Dein Körper verweigert dir den Dienst.
Eben warst du noch froh am Leben zu sein, auch wenn du selbst nicht weißt warum. Aber jetzt? Jetzt nicht mehr?
Kannst nicht mehr, willst nicht mehr. Warum leben, wenn du einfach nur so daliegst. Wird sich das jemals ändern? Irgendwann?
Du versuchst deinen Beinen zu sagen sie sollen dich stützen, deinem Körper zu befehlen dir wieder zu gehorchen. Nichts geschieh.
Langsam fällt der Schnee auf dich herab. Du siehst die weißen Schneeflocken vor dir tanzen, wirbeln und sich langsam auf der Erde niederlassen.
Du spürst ihre kalte Berührung auf deiner Haut wie einen elektrischen Schlag. Du spürst wie sie schmelzen, obwohl du denkst deine Haut sei viel kälter.
Du siehst die weiße Decke immer weiter wachsen, hast jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Es ist dunkel, noch immer Nacht? Schon wieder Nacht?
Ist es im Endeffekt nicht egal? Hauptsache Dunkel.
Der Schnee hebt sich so klar und hell von der Dunkelheit ab, leuchtet, schmiegt sich wie eine Decke um dich.
Dein Körper wird taub, du spürst nichts mehr. Nichts mehr außer Müdigkeit. Alles ist so weiß wie dein Bett. Weiß und weich.
Aber nicht warm. Ist es warm? Du versuchst dich zu konzentrieren. Du schaffst es nicht. Was ist los mit dir?
Du kannst nicht mehr klar denken, alles ist so taub. Nichts ist klar. Deine Haut kribbelt und prickelt.
Was ist nur los? Was passiert mit dir? Stirbst du? Du stirbst nicht, du weißt es. Du lebst. Du hast dafür gekämpft und du lebst.
In dir kämpft es noch immer. Der ewige Kampf. Leben oder Tod?
Du lässt sie kämpfen. Du willst dich nicht damit beschäftigen, nicht daran denken, dich nicht entscheiden müssen. Du willst einfach nur daliegen und den Schnee beobachten.
Schnee, Schnee, Schnee.
Du hast Schnee schon immer gemocht. Schon als Kind, lange bevor das alles passiert ist. Lange bevor sie ihn dir genommen haben, dich eingesperrt haben.
Seitdem hast du keinen Schnee mehr gesehen.
Nur durch die Stäbe deines Fensters. Du hast Stunden damit
zugebracht die Flocken tanzen zu sehen, bis sie dich weggezerrt haben.
Mit Gewalt.
In diesen Stunden warst du fast glücklich. So wie jetzt. Egal
wie schlimm alles war, Schnee hat dir schon immer geholfen. Winter
wärmt dein Herz.
Du liegst nur da. Weiße Körner in der Dunkelheit. Die Tränen auf deinen Wangen brennen, brennen heiß, heben sich vom Schnee ab. Kalter Schnee, heiße Tränen.
Auf einmal ist alles anders. Du fühlst etwas Warmes auf deiner kalten tauben Haut. Etwas, das normal nicht dahin gehört.
Jemand hat deinen Arm gepackt, zieht dich hoch. Vorsichtig, sanft, mit Kraft. Deine Augen starren noch immer auf die in der Ferne tanzenden Schneeflocken, doch du spürst ihn. Wärme strahlt von ihm aus, als er dich an sich lehnt. Er ist so warm, warm und weich.
Du kannst dich nicht wehren. Lässt zu, dass er deine Talje umfasst und dich stützt. Du weißt, dass du dich ohne ihn nicht halten könntest. Er weiß es auch.
Deine Beine knicken unter dir weg, du spürst sie nicht, du spürst nur ihn. Er hält dich.
Du hörst ihn reden. Mit wem? Nicht mit dir. Er redet nicht mit dir und du weißt es.
Er redet mit ihm. Scharfe Stimmen.
Wir können sie nicht liegen lassen. Sie erfriert, sie würde sterben und dann war alles umsonst.
Aber sie muss es doch alleine schaffen.
Sie hat es bis hier alleine geschafft, ohne, dass wir ihr weiter
geholfen haben und sie ist fast gestorben. Sie kämpft weiter,
aber sie kann nicht mehr alleine. Und sie muss es nicht. Ich helfe ihr.
Seine Stimme ist so warm und weich wie sein Körper. Warum und weich. So zu Hause.
Du bist so schwach, aber nichts tut dir mehr weh. Alles ist so taub, taub geworden im Schnee.
Noch immer laufen dir Tränen über die Wangen, erstarren auf ihnen, doch er wischt sie weg. Ganz vorsichtig, als wären sie etwas Kostbares.
Es wir alles gut.
Alles gut? Wird wirklich alles gut? Wie denn? Du bist zu schwach um zu widersprechen, den Kopf zu schütteln. Du versuchst es, willst ihm zeigen, dass du noch da bist, aber dein Kopf sinkt zur Seite. Auf seine Schulter.
Ist okay, ich bring dich hier weg.
Weg, hier weg. Weg, weg, weg. Weg vom Schnee? Weg aus der Welt? Weg, weg, weg.
Dein Körper ist schlaff, du lässt es zu, dass er dich hochhebt. Deine Füße berühren nicht mehr den Boden, alles gleitet in weite Ferne.
Außer dem Schnee, der noch immer nur für dich tanzt.