Alice
~Stimmen
Sie lassen mich nicht raus. Ich bin gefangen, gefangen, gefangen. Ich war frei, frei zu tun und zu lassen, was ich wollte. War frei und konnte gehen wohin ich wollte. Es war nur ein Moment, so kurz, als hätte es ihn nie gegeben.
Jetzt bin ich wieder gefangen. Ich könnte schreien und es würde niemand hören. Würde es jemand hören?
Warum haben sie mich eingesperrt? Warum? Ich verstehe es nicht. Tu es einfach nicht. Die Tür ist verschlossen. Das Zimmer ist zerstört. Ich habe alles kaputt gemacht.
Sachen durch die Gegend geworfen, gegen die Tür getrümmert, zerrissen.
Sie haben mich gelassen, haben mich nicht gehindert.
Ich dachte für einen Moment sie hätten mir geholfen, sie wären anders. Sie sind nicht anders. Sie wollen mich auch nur sicher weggesperrt haben, sicher weg von allem. Sicher vor mir?
Allein in diesem Raum, irgendwo, wo mich niemand findet. Wo? Wo bin ich?
Wowowo? Ich bin alleine im nirgendwo. Wo ist nirgendwo, nirgendwo ist hier. Nirgends.
Er hat mich herein getragen und auf das Bett gelegt, dessen zerrissene Laken auf dem Boden liegen, dort wo ich sie habe fallen lassen als ich fertig war.
Sie lassen mich nicht heraus. Sie haben mich eingesperrt, doch ich spüre ihre Blicke. Ich weiß, dass sie da sind. Irgendwo hinter der Tür, irgendwo im irgendwo.
Er war bei
mir. Die ganze Zeit. Ich habe geschlafen und habe es nicht. Es ist
kompliziert, ich erinnere mich nicht daran. Ich weiß nicht
mehr was genau passiert ist. Ich weiß nur, dass er da war bis
ich aufgewacht bin, dann war er weg. War er da?
Ich weiß nicht welche meiner Gedanken wahr sind und welche
nicht.
Nicht alle Gedanken gehören mir. Nein.
Ich höre sie in meinem Kopf denken, reden, schreien. Wer ist sie? Ich kenne sie nicht, kenne sie doch. Teile von ihr. Ich hasse sie. Sie ist kein Teil von mir.
Sie ist anders als die anderen Stimmen in meinem Kopf. Sie ist getrennt von ihnen. Selbst die Stimmen hassen sie.
Sie hat eine
eigene Bosheit, die nichts mit mir zu tun hat. Nicht immer.
Sie hasst mich. Das hat sie mir gesagt. Nein, das stimmt nicht. Sie hat
es nicht. Sie hat es gedacht und ich habe es gehört. Sie
weiß, dass ich da bin.
Ich bin in ihrem Kopf so wie in meinem. Ich spüre wenn sie da ist. Sie ist wie ein dumpfer Druck, der gegen die Innenwand meines Schädels drückt und versucht nach außen zu stoßen. Sie versucht mir weh zu tun, doch ich lasse sie nicht. Wenn sie es versucht, dann tue ich ihr auch weh. Ich weiß es.
Ich tue ihr weh, kratze an der Innenseite ihrer Augäpfel und lasse sie schreien. Nicht lange bis sie mich vertreibt. Sie kann mich ausschließen.
Ich spüre ihre Wut und ihren Hass, gegen mich und gegen ihn, gegen die anderen. Ich weiß nicht wer sie sind.
Ich weiß es? Es sind die, die mich gefangen halten. Meine Wut war ihre, als ich das Zimmer zerstörte. Ich habe ihren Hass herausgeschrieen und ich weiß, sie hat dasselbe mir meinem getan. Hat ihn herausgeschrieen und dabei etwas zerstört.
Vielleicht ein Leben, vielleicht zwei. Sie war zufrieden als sie es tat. Ich weiß es, weil ich auch zufrieden war.
Hmmmmhmmmhmmm. Ich höre ihre Stimme. Sie sagt, ich solle rennen. Sie wollen mir Böses tun. Sie haben mich eingesperrt, also können sie doch nichts Gutes wollen, oder? Wollen sie das?
Sie ist ganz freundlich, doch sie kann mich nicht täuschen.
Ich
spüre ihren Feindseligkeit gegen die Anderen und das
lässt mich ihnen trauen. Denn ihr traue
ich nicht. Nein, nein.
Ich weiß nicht wer sie ist, aber ich traue ihr nicht. Sie
schmeckt nach etwas Bösem. Böses Blut.
Böseböseböse. Böser als ich. Bin
ich böse? Sie ist es, ich bin nicht wie sie. Bin ich nicht
böse? Sei kein böses Mädchen, Alice.
Sie schreit in meinem Kopf und ich schreie mit, laut. Schreie aus Wut und aus Schmerz.
Es tut so weh…
Fingernägel kratzen über meine Haut bis Blut kommt und ich merke, dass es meine eigenen Hände sind. Sie lässt mich das tun.
Böse Stimme. Ich höre auf zu schreien und stoße sie zurück.
Stoße sie mit ganzer Kraft.
Ich verliere wie sie das Gleichgewicht und lande auf allen vieren. Ich atme schwer, kriege kaum Luft und fange an zu zittern.
Sie ist weg. Ich spüre sie nicht mehr. Aber ich weiß, dass sie irgendwann wieder kommt. Sie kommt wieder, irgendwann. Um mir weh zu tun.
Ich lehne gegen die kalte Wand, froh, dass sie weg ist, zu schwach um mich zu bewegen, zu rühren, darüber nachzudenken was ich tun soll, wenn sie wieder kommt.
Für den Moment bin ich alleine. Alleine mit den anderen Stimmen.