Alice

 ~Glauben

 

Auch wenn sie gedacht haben, du könntest nicht mehr, in den Moment in dem er es ausgesprochen hatte, das was du befürchtet hattest, von dem du gehofft hattest es nie mehr zu hören, da fandest du neue Energie.

Du bist aufgesprungen und vor ihm zurückgewichen, als sei er etwas Giftiges und dir war sein verletzter Gesichtsausdruck egal.

Du hast ihn angeschrieen und Dinge nach ihm Geworfen. Wie hatte er es wagen können dich wieder hierher zu bringen? Nach allem was du mitmachen musstest? Nach allem was geschehen ist? Nach allem was es dich gekostet hat von dem hier frei zu werden.
Du wolltest einfach nur abschließen mit diesem ganzen Kapitel und hast gehofft es ein für alle Mal vergessen zu können.

Du wolltest nur deine Ruhe. Und nun bist du wieder hier.

Du schreist so laut, dass sie gekommen sind und in dem Moment, als du sie wieder gesehen hast, konntest du nicht mehr.

Du bist einfach in Tränen ausgebrochen und hast dich zu Boden fallen lassen. Keiner kam dir zu nahe, die Haselmaus beobachtete dich, versteckt hinter dem großen Hut des Kaninchens.

Deine Stimme ist zu einem leisen Flüstern geworden als du sie anflehst, als du hoffst nur zu träumen und ganz genau weißt, dass du es nicht tust.

Der Junge mit dem Laubhaar, hat sich etwas von dir entfernt, sieht Rat suchend das Kaninchen an, das ihn ignoriert, also lässt er sich ein Stückchen von dir weg ebenfalls auf den Boden fallen und lässt das Kaninchen die Arbeit machen.

Es redet mit dir, doch du starrst es nur an. Starrst seinen großen Hut mit der Haselmaus darauf an, die dich beäugt und sich hinter der seltsamen und unpassenden Feder, die von keinem Vogel kommt, den du benennen kannst stammt, hervorlugt.

Du hörst was es sagt, doch du willst es nicht hören. Du willst nicht hören was es zu sagen hat. Du willst nicht hören, dass es dich um Hilfe bittet, dir sagt, dass sie dich brauchen, dass das Wunderland böse geworden ist, seit sie herrscht.

Der letzte Satz jagt dir einen Schauer über den Rücken. Du kennst sie und du kennst das Wunderland.

Das Wunderland war schon immer böse. Es hat dich verrückt gemacht und du weißt es.
Das Kaninchen schüttelt den Kopf. Nicht das Wunderland. Sie.

Sie wollte dich aus dem Weg haben weil du die einzige bist, die sie vertreiben kann, die sie daran hindern kann zu tun was sie tut. Sie hat dich verrückt gemacht, sie hat deinen Eltern eingeflüstert dich in eine psychiatrische Anstalt zu bringen anstatt über die Phantasie eines kleinen Mädchens zu lachen. Sie hat die Grinsekatzenkrankenschwester zu dir geschickt um die Tabletten zu geben, die dich wirklich verrückt machen. Sie ist es, die in deinem Kopf spukt.

Nein, nein, nein. Du willst das nicht hören. Willst nicht, kannst nicht, willst nicht, kannst nicht, willst nicht.

Du kannst das nicht mehr. Es gibt kein Wunderland.

Bald nicht mehr. Die Stimme des Kaninchens ist so traurig und müde, dass du verstummst, aufhörst vor dich hinzumurmeln und es ansiehst, wirklich ansiehst.

Es sieht so aus wie beim letzten Mal. Der Gedanke ist so real, dass du erschreckst. Das letzte Mal. Es gab wirklich ein letztes Mal, oder?

Das Kaninchen nickt und sieht nervös aus. Du findest es seltsam, dass ein Kaninchen nervös aussehen kann, aber nicht so seltsam wie die Tatsache, dass du anfängst zu glauben. Wirklich zu glauben.

Es ist wahr oder? Es gibt ein Wunderland, ein richtiges Wunderland und du warst da?

Wieder nickt das Kaninchen. Die Haselmaus hat sich mutig auf ihre Hinterpfoten gestellt und beobachtet dich. Du siehst, dass sie froh ist, dass du nicht mehr schreist.

Der Junge beobachtet dich.

Warum bist du hier? Du bist hier weil sie dich brauchen. Sie brauchen dich, weil sie nun über das Wunderland herrscht, weil sie alles zerstört hat und in die Dunkelheit gestürzt hat.

Warum dich? Warum nicht irgendein anderes Mädchen? Weil du verrückt bist und du musst lachen. Ja das bist du, ohne Zweifel. Du redest mit einem Kaninchen und einem Laubhaarjungen, mit spitzen Ohren und grüner Haut.

Sie verstehen nicht warum du lachst.

Du bist so verrückt wie sie, so verrückt wie sie. Weil du es schaffen kannst, weil du sie kennst, weil du es schon einmal geschafft hast zu entkommen, weil du überlebt hast.

Weil du lebst und weil du es bist, die ihr Schaden kann.

Du sagst nichts, sitzt einfach da und denkst nach. Wie kannst du es schaffen anderen zu helfen, wenn du dir nicht einmal selbst helfen kannst?

Du hast dir selbst geholfen, Alice, erinnerst du dich nicht? Du hast dir ganz alleine geholfen, hast die Grinsekatzenkrankenschwester getötet und warst frei.

Du willst nicht zurück. Du willst nicht zurück dorthin wo alle verrückt sind, dort warst du viel zu lange.

Der Junge schüttelt den Kopf. Nein, nein. Dort wo du warst war niemand verrückt. Die Menschen verstehen das Wort verrückt falsch, sie wissen nicht was es bedeutet. Es bedeutet etwas anderes in dieser Welt als in deren Welt, verstehst du?

Du tust es nicht. Verrückt bedeutet im Wunderland normal und normal heißt in deiner Welt verrückt, verstehst du?

Du tust es nicht und du willst nicht darüber nachdenken. Es macht dir Kopfschmerzen.

Sie brauchen deine Hilfe. Das Kaninchen sagt es wieder und wieder.
Sie brauchen dich. Niemand braucht dich. Doch, sie brauchen dich. Sie brauchen dich oder sie sind verloren.

Was kannst du schon tun? Helfen.

Du willst nicht zurück. Du kannst nicht zurück, du schaffst es nicht. Du hast Angst.

Du brauchst keine Angst zu haben, denn er wird bei dir sein, sie werden bei dir sein.

Wer? Du siehst auf und Tränen glitzern in deinen Augen.

Wir, sagt der Laubhaarjunge ruhig und du glaubst ihm. Du weiß nicht warum aber du tust es.

Du hast das Gefühl ihm glauben zu können.

Die Frage ist nur, reicht Glauben alleine aus?