Alice

~Entscheidungen

Sie haben mich alleine gelassen, alleine in dem Zimmer. Ich sitze zwischen Trümmern und Stofffetzen in einem Chaos, das ich selbst geschaffen habe und esse Toffees, Salat mir Möhren und Kuchen.
Es ist lange her seit ich etwas gegessen habe und noch viel länger seit ich etwas gegessen habe das mir schmeckt.

Ich weiß nicht wie lange sie schon weg sind, aber das heißt nichts. Ich habe festgestellt, dass ich mein Zeitgefühl total verloren habe. Es ist weg.

Wie kann man etwas verlieren, das gar kein Gegenstand ist? Man kann nur Dinge verlieren und Zeit ist kein Ding.

Ich habe den Verstand verloren. Ist der Verstand also ein Gegenstand?

Ich kaue auf den Toffees und sie verkleben meine Zähne. Vielleicht bin ich gar nicht verrückt. Vielleicht ist es mir nur auch einfach egal. Ich habe mit einem Kaninchen und einem Jungen mit Laubhaar geredet, wie sollte ich beurteilen können was normal ist, ob ich verrückt bin oder ob man Dinge verlieren kann, die keine Dinge sind?

Ich bin müde obwohl ich drei Tage geschlafen habe und das Denken tut weh, aber ich muss es tun. Ich muss eine Entscheidung treffen.

Ich wünschte Entscheidungen wären Dinge, die man verlieren kann. Dann müsste ich jetzt nicht darüber nachdenken und mich nicht entscheiden.

Versuchen wir es logisch anzugehen, so logisch wie es eine Verrückte angehen kann.

Will ich zurück ins Wunderland? Nein. Will ich hier bleiben? Nein.

Will ich zurück in die Anstalt? Nein! Will ich zu meinen Eltern? Nein.

Irgendwie hilft das nicht. Was will ich? Ich will meine Ruhe, ich will endlich meinen Frieden und ein normales Leben.

Ich will ein kleines Haus mit einem Garten in dem ich Möhren züchten kann, mit vielen Fenstern die immer offen sind und einem weißen Gartenzaun.

Ich will einen kleinen Hund haben und ein weiches Bett mit rosa Kissen und ich will kommen und gehen können wann ich will.

Ich will jemanden haben, der sich um mich kümmert und mit mir redet, ganz normal, nicht so als wäre ich verrückt. Ich will nicht verrückt sein.

Ich will Kuchen backen und Teepartys machen und früh aufstehen und murren weil ich es eigentlich nicht will nur um dann zu Frühstücken und den Tag über im Garten zu arbeiten.

Ich will mein Gemüse verkaufen und ich will, dass die Leute sagen wenn sie mich sehen „Oh schau mal, da ist Alice, sie hat das leckerste Gemüse das es gibt!“. Das will ich.

Ich will einfach ein normales Leben.

Ich kann kein normales Leben haben, weil ich einfach nicht normal bin. Ich bin verrückt und ich weiß es.

Ich höre Stimmen, wenn niemand da ist und ich streite mich mit einer Person, die sich in meinem Kopf eingenistet hat und nicht zu den Stimmen gehört.

Ich verletzte mich selbst weil sie mich dazu zwingt. Sie haben gesagt, dass sie mich verrückt gemacht hat, dass ich es ihr zu verdanken habe, dass ich Jahre lang eingesperrt gewesen bin.

Sie ist daran Schuld, dass ich kein normales Leben führen kann. Sie ganz alleine.
Dafür hasse ich sie. Ich hasse sie mit jeder Faser meines Körpers.

Sie hat das Wunderland in die Dunkelheit gestürzt, sagt das Kaninchen. Es ist ein böser Ort geworden, ein dunkler, toter an dem keiner leben kann ohne, dass sie ihnen das Leben zur Hölle macht. Sie wie sie es mir zur Hölle gemacht hat.

Eigentlich wäre es nur fair wenn ich ihr das zurück geben würde, was sie mir gegeben hat, oder? Entscheidungen, Entscheidungen.

Ich will nicht zurück ins Wunderland, denn das hieße dem Wahnsinn nachzugeben. Aber habe ich das nicht längst? Habe ich mich nicht längst dafür entscheiden verrückt zu sein?

Habe ich es nicht in dem Moment getan, als ich der Krankenschwester die Kehle durchgeschnitten habe, als ich weggerannt bin, als ich mit dem Kaninchen geredet habe, als ich ihm vor Jahren zum ersten Mal in den Bau gefolgt bin?

Habe ich nicht damals schon eine Entscheidung getroffen, damals und für alle Zeit?

Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Eins steht fest, so kann es nicht bleiben. Ich kann nicht ewig wegrennen. Wenn ich verrückt bin, dann ist es auch egal was ich tue, verrückter kann ich nicht werden, oder?

Was bleibt mir also zu tun? Ich kann hier sitzen bleiben und einfach weiter meinen Kuchen essen oder ich kann ihnen sagen, dass ich ihnen helfe, dass ich versuchen werde mich ihr zu Stellen.
Nicht nur für sie, sondern auch für mich, damit ich sie endlich loswerde, damit ich endlich wieder alleine in meinem Kopf bin. Oder wenigstens damit meine eigenen Stimmen wieder mehr Platz haben.

Ich könnte jetzt hinausgehen und ihnen sagen, dass ich ihnen helfe. Oder ich bleibe sitzen und tue nichts, ergebe mich meinem Schicksal und sehe ein, dass es keinen Sinn hat, dass ich einfach nur endgültig verrückt geworden bin und es alles vorbei ist.

Schließlich weiß ich, dass es so ist, oder?

Ich hasse Entscheidungen, vor allem wenn sie längst getroffen sind.