Alice
~Wahrheiten
Alice vor dem Fenster, die Hände auf die weiße Hose gelegt und starrte in die Dunkelheit, als ob irgendetwas in ihr sie rufen würde, sie zwingen würde genauer hinzuschauen. Irgendetwas verbarg sich in ihr, sie wusste es, sie hatte es gesehen. Vor vielen, vielen Jahren. Sie war noch jung gewesen und verträumt. Sie dachte damals, dass die Dunkelheit voller Geheimnisse wäre, die nur darauf warteten von ihr entdeckt zu werden, Geheimnisse, die nur für sie existierten.
Ein Wunderland nur für sie. Wunderland. Ihr Wunderland. Es war lange her seit sie das letzte Mal daran gedacht hatte. Man verbot ihr daran zu denken. Es war nicht wahr, nie geschehen. Es gab kein Wunderland.
Und doch rief die Königin
sie noch immer. Das weiße Kaninchen: Folge dem
weißen Kaninchen. Es ließ sie nicht los.
Sie war dem weißen Kaninchen gefolgt, mehr als einmal in
ihren Träumen. Waren es Träume gewesen? Der
Kaninchenbau? Die Teeparty?
Keine Träume, Erinnerungen. Erinnerungen, die sie bis in ihre Träume jagte und sie verfolgte. Die Wirklichkeit verschwamm mit Träumen. Was war Realität und was Einbildung?
Das Wunderland war ihr bis hier gefolgt, wie sie damals dem Kaninchen. Sie wollte es nicht gehen lassen und genau das schien jetzt mit ihr zu geschehen.
Esistnichtwahr, esistnichtwahr, esistnichtwahr! Sie murmelte diesen
Singsang leise vor sich hin und wippte leicht vor und zurück.
Es konnte nicht wahr sein. Sie war nie einem sprechenden Hasen gefolgt,
nie mit einem Hasen und einem Hutmachter Tee getrunken, nie mit der
Herzkönigin Krocket gespielt.
Es waren Einbildungen. Sie war erst acht gewesen, sie hatte
wahrscheinlich zuviel Fernsehen gesehen oder zu viele Märchen
gelesen. Es war nie geschehen. Es gab kein Wunderland.
Alle hatten Recht, sie wusste es. Warum hatte sie so lange darauf beharrt, dass es ein Wunderland gab, oder ein Land hinter den Spiegeln?
Es gab keine fremden Welten, nur diese hier, keine weiter, nur diese hier. Keine andere. Es war ihr Mantra, sie wiederholte es immer wieder.
In der Dunkelheit vor ihr erschienen Augen, die sie anstarrten und Alice sah stur in eine andere Richtung. Sie sah die Augen nicht und sie sah den Jungen nicht, dem sie gehörten. Sie sah seine langen, unnatürlich spitze Ohren nicht und auch nicht den gelben Schimmer in seinen Augen. Sie sah ihn nicht.
Es gibt ihn nicht. Aus den Augen aus dem Sinn, was du nicht siehst, ist nicht da.
„Ich bin nicht verrückt“, murmelte sie leise. Wie konnte sie verrückt sein, wenn sie nicht daran glaubte? Warum war sie überhaupt hier? Es gab kein Wunderland und sie wusste das. Sie hatte es begriffen. Es war eine Einbildung gewesen, nichts mehr. Eine Fantasie einer dummen 8jährigen, die ihre Klappe nicht halten konnte. Das war sie nicht mehr. Sie war zu alt für so etwas und sie glaubte nicht daran.
Sie sagte es schon lange, immer wenn
jemand sie danach fragte antwortete sie brav „Es gibt kein
Wunderland.“
Aber glaubte sie was sie sagte? Wenn es noch so viele Zweifel gab?
Keine Zweifel, es gibt kein Wunderland.
Alice schloss müde die Augen um die Augen des Jungen, aus ihrem Kopf zu verbannen. Da ist kein Junge.
Als sie die Augen wieder öffnete, war er verschwunden. Sie lächelte. Kein Junge, kein Wunderland. Es ist okay.
Hinter sich hörte sie ein klirren von Schlüsseln und sie drehte sich um und stand auf. Eine Frau ganz in weiß betrat den Raum, sie schob einen kleinen Wagen und hatte ein Klemmbrett in der Hand. Sie schenkte ihr ein warmes Lächeln.
„Hallo, Alice.“
„Hallo, Schwester Marie“, antwortete Alice folgsam.
„Es wird Zeit für deine Tabletten.“ Sie reichte Alice einen kleinen Becher mit verschiedenen Pillen und bunten Farben. Alice starrte sie für einen Moment an. Sie wollte sie nicht nehmen. Sie machten sie komisch, ruhig und sie wollte dann nur noch schlafen. Sie redete seltsame Sachen und träumte wieder ihre Erinnerungen vom Wunderland, das es nicht gab.
„Sei ein gutes Mädchen, Alice. Nehm schön, deine Tabletten, dann sage ich es Dr. Stevens.“
Hoffnungsvoll sah Alice auf. „Sie sagen Dr. Stevens, dass ich
brav war und die Tabletten genommen habe?“
„Natürlich, Alice.“
„Sagen Sie ihm, dass ich nicht verrückt bin? Ich bin es nicht mehr, es gibt kein Wunderland.“
„Natürlich nicht, Alice. Ich sage es ihm.“
„Kann ich dann nach Hause?“
„Wenn du brav deine Tabletten nimmst, lege ich beim Doktor ein gutes Wort für dich ein.“
Alice nickte und legte den Kopf in den Nacken. Sie schloss die Augen und ließ die Tabletten alle auf ein Mal in ihren Mund fallen und schluckte sie schnell herunter. Die Schwester gab ihr ein Glas Wasser und sie spülte die bitteren Pillen ihren Hals herunter.
Dann lächelte sie müde. Sie spürte schon wie die Medikamente ihre Wirkung taten. Schwester Marie führte sie zum Bett und half ihr hinein. Alleine wäre sie gestolpert, sie konnte sich kaum aufrecht halten.
Die Schwester drehte ihr den Rücken zu und machte sich schon ans Gehen. Sie durfte noch nicht gehen! Sie musste wissen, dass sie nicht verrückt war! Sie musste es dem Doktor sagen.
„Es gibt kein Wunderland. Ich bin nicht verrückt. Es gibt kein Wunderland, esgibtkeinwunderland…“
Alles verschwamm vor ihren Augen. Schwester Marie drehte sich zu ihr um und schenkte ihr ein furchtbar breites Grinsen. Zu breit. Grinsekatze…
„Ich weiß, Alice. Ich sage es dem Doktor und vielleicht kannst du schon bald nach Hause.“
Grinsekatze-Krankenschwester. Alice hob schwach die Hand, doch die
Tür fiel ins Schloss, Schlüssel klirrten und es wurde
abgeschlossen. Grinsekatze, Tigerkatze.
„Es gibt kein Wunderland, keine Grinsekatze“,
murmelte Alice. Die Dunkelheit schien sich langsam auf sie nieder
zusenken. Es gab keine Geheimnisse in ihr zu entdecken. Nur Dunkelheit,
nur Schwärze, kein Wunderland. Nur die Dunkelheit.
Sie war nicht verrückt.