Alice

~Türen

 

Wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine Neue. Im Prinzip ist es ein dummes Sprichwort, aber nur weil es dumm ist, heißt es nicht, dass es weniger wahr wäre. Das ist es an Wahrheiten, egal was wir von ihr denken mögen, es beeinflusst nicht ihren Gehalt.

Mit Türen ist es so eine Sache. Jede Tür hat ein Schloss, ein Schloss mit einem Schlüssel. Zumindest sollte es so sein, aber es ist nicht immer so wie es sein sollte. Türen, Schlüssel, Schlösser, Türknaufe. Immer und immer wieder, einer nach dem anderen. Es scheint kein Ende zu geben.
Wir wandern durch dunkle Hallen, Gänge, Flure ohne Enden, nur mit Türen. Türen sind kein Ende, sie sind ein neuer Anfang. Und was ein Anfang ist, kann kein Ende sein. Niemals. Selbst im Land des Chaos und des Unlogischem gibt es eine Logik. Meine.

Ich habe einen Schlüsselbund. Kleine Schlüssel und große, alte und neue, verrostete und glänzende, mit Formen oder einfach, mache kaputt andere unbeschadet.

Schlüssel für Türen und Schlösser. Es sagt sie würden mich überall hin bringen, wo immer ich hin will. Die Türen seien Portale in Fremde Welten, fremde Gegenden des Wunderlandes. Niemand könne sagen für welche Tür die Schlüssel genau sind, niemand kann sagen wohin sie führen.
Ich gehe einen langen dunklen Gang entlang, ohne meine Füße zu heben. Meine Füße gleiten über den dunkel Marmorboden, der sich anfühlt wie ein warmes und lebendiges Tier. Ich habe das Gefühl er hebt und senkt sich unter jedem Schritt, deshalb hebe ich meine Füße nicht mehr. Ich mag keinen atmenden Boden.

Ich spüre ihn neben mir, hinter mir. Nur zwei Schritte, immer zwei Schritte, egal wohin. Nie mehr, nie weniger. Er hat mir die Schlüssel gegeben ohne ein Wort zu sagen, nur dieses Glitzern lag in seinen Augen. Dieses Wissen und etwas Angst, etwas fahles wie eine Erinnerung. Ich habe nicht gefragt woher er ihn hat, und ich denke er war mir dankbar dafür. Es braucht nicht immer Worte, nicht zum verständigen.

Der Boden atmet weiter unter mir während ich denk Gang entlang gehe. Die Schlüssel klappern in meiner Hand, schlagen mir gegen das Bein, während ich die richtige Tür suche. Es hat gesagt ich würde sie erkennen, wenn ich sie sehe. Es ist nicht mehr bei uns. Nun sind es nur noch der Laubhaarjunge, dessen Namen ich nicht kenne und nicht erfrage und ich.

Die Schlüssel schlagen mir gegen das Bein, immer und immer wieder. Ihr Klingeln im Dämmerlicht ist das einzige Geräusch weit und breit. Und mein Summen. Ich singe ein Lied dessen Text und Melodie ich nicht kenne. Es ist als würden die Worte verschwinden bevor ich überhaupt weiß, dass sie da sind und aufhören zu existieren bevor ich sie hören kann. Es stört mich nicht, ich singe weiter. Singe, summe und wandere den langen Gang entlang, der kein Ende kennt.

Die Türen haben verschiedene Formen, Farben, sind aus verschiedenen Materialien und manche sehen bedrohlicher aus als andere. Ich schenke ihnen keine richtige Aufmerksamkeit, sondern gleite einfach weiter über den Boden. Meine Blicke wandern ohne wirklich etwas zu erfassen, etwas das ich gut kann. Sehen ohne zu sehen. Genau wissen was ist ohne wirklich hinsehen zu müssen. Ich muss die Türen nicht ansehen um zu wissen, dass keine die ist, die ich suche.

Die Schlüssel Klingeln weiter wie eine zarte Untermalung meines unbekannten Liedes. Hier gibt es kein Echo, nichts was nachklingt. Es ist als würden die Türen jeden Laut, jeden Klang und jedes Wort einsaugen und verschlingen, so dass nichts bestehen bleibt.

Es gibt nur die Schlüssel und mich in der Stille. Er ist ruhig und folgt mir. Die Stimmen sind ruhig, sind angespannt. Schweigen. Ich muss lächeln. Ich weiß nicht ob sie Angst haben oder ob es an den Geräusch- verschlingenden Türen liegt und es interessiert mich auch nicht. Meine Aufmerksamkeit ist bei den Schlüsseln in meiner Hand, bei dem leisen Lied des aneinander schlagenden Metals, bei den Schlägen gegen mein Bein.

Große Türen, kleine Türen, mittelgroße Türen. Bücken, schlank machen, hindurch hüpfen, klettern, abrutschen, verbiegen. Ich öffne keine von diesen Türen. Sie sind nicht die Richtigen. Die Richtige scheint noch weit entfernt, ich spüre nichts.

„Vielleicht muss man durch mehrere Türen gehen um die Richtige zu finden?“ Er schüttelt den Kopf und ich sehe es nicht, weil er hinter mir ist. Ich höre sein Laubhaar nicht Rascheln, weil die Türen es verschlingen.

Ich weiß es, weil er es immer tut. Immer den Kopf schüttelt wenn er nein sagt. Ich spüre den leichten Frühlingswind, den diese Bewegung auslöst. Er ist wie ein Stück Frühling gefangen in einem Körper.

Die Tür ist nur ein Portal zu weiteren Türen, weiteren Wegen. Für uns gibt es nur eine richtige Tür, die uns dahin führt wohin wir wollen. Für uns gibt es nur eine Tür, die wichtig ist und das ist die erste Tür. Alle folgenden sind egal, alle danach. Nur eine Tür um den Weg zu finden. Den Weg ins Wunderland.

„Früher gab es nur eine Tür.“

Es hat sich viel verändert, ist die einzige Antwort die ich bekomme. Ich nicke. Ich weiß es. Ich fühle es. Viel hat sich verändert. Ich bleibe stehen und die Schlüssel klingeln. Ich bewege mich nicht, verharre wie eingefroren, aber die Schlüssel klingeln und ich umfasse den Bund fester, als könnten sie mir entgleiten und verschwinden.

Ich mache einen Schritt und hebe die Hand, lasse sie über dem Holz schweben. Sie ist rot und gerade groß genug für mich um hindurchzugehen.

Er wird sich etwas bücken müssen obwohl er nicht viel größer ist als ich.

Meine Finger sind nur wenige Millimeter von der Oberfläche entfernt, berühren sie aber nicht. Nie. Ich ziehe die Musterung nach, die Schnitzereien in der Tür. Es sieht aus als hätte jemand eine Kletterpflanze hinein geschnitzt und sich besonders viel Mühe gegeben. Blätter, Ranken, Blüten, Herzen. Keine Blumen, Herzen.

Ich muss leise Lachen und er fragt nicht warum. Er weiß es. Manchmal braucht es keine Worte um sich zu verständigen. Wir beide wissen um die Ironie, die in dieser Tür steckt. Ich nehme den Schlüsselbund in die andere Hand und lasse die Schlüssel durch die freie gleiten ohne hin zu sehen.

Meine Augen sind auf den Knauf gerichtet, der mit toten, leeren Augen zurückstarrt. Augen, die schon lange nichts mehr sehen.

Hallo Herr Knauf, erkennen Sie mich noch? Langelange her.
Meine Finger greifen zu und der Rest der Schlüssel rutscht klirrend zusammen. Ich lache nicht mehr. Für einen Moment stehen wir da und rühren uns nicht.

Dann strecke ich meine Hand aus, den Schlüssel vor mich gerichtet. Er ist golden, alt und hat ein schönes Muster. Er endet in einem goldenen Herzen.

Eigentlich sind solche Momente immer gefangen in der Ewigkeit, scheinen nie enden zu wollen. Nicht dieser. Der Schlüssel, gleitet in sein dafür vorgesehenes Schlüsselloch und ich drehe ihn dreimal nach links. Und plötzlich leuchten die trüben Augen des Knaufes auf. Er blinzelt und richtet sie auf mich.

Die schwarzen Kugeln funkeln wissen und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen das Schlüsselloch verzieht sich wie zu einem Lächeln.

Ich höre ein Knacken, dann noch eines. Das Quietschen von Scharnieren, die lange Zeit nicht weder geölt noch bewegt worden waren.

„Cleveres Mädchen, diesmal hast du gleich den Schlüssel.“

Ich lächle und nicke und ziehe ihn wieder heraus, befestige den Schlüsselbund an meinem Gürtel. „Ja, diesmal habe ich ihn.“

Die Tür schwingt auf und alles was ich sehe ist Schwärze. Ich strecke meine Hand nach hinten und er zögert nicht sondern ergreift sie. Hält sie fest. Seine Haut ist warm und fühlt sich an wie ein Blatt im Sonnenschein. Er macht zwei Schritte nach vorne und steht neben mir. Zusammen blicken wir in die Schwärze.

„Diesmal habe ich ihn“, wiederhole ich. Aber ich meine nicht wirklich den Schlüssel.

„Kluges Mädchen. Willkommen zu Hause.“