Alice

~Freiheit

 

Sie hatten sie belogen. Sie hatten sie nicht gehen lassen. Sie hatte bleiben mü ssen. Sie wollte nicht bleiben. Nicht bei Menschen, die sie belogen, die sie unter Drogen setzten und gefangen hielten wie ein Tier. Ein gefährliches Tier.
Sie war vielleicht gefährlich, aber kein Tier. Alice sah die Schwester stumm an, die ihr die Tabletten gab, zusah wie sie sie schluckte und sie zum Bett fü hrte. Keine Kontrolle. Sie schluckte ihre Tabletten immer. Sie war ein gutes Mädchen, sie war nicht verrückt, sie gehorchte. Meistens.
Sie schloss die Augen und murmelte ein paar unverständliche Worte, driftete fort. Die Schwester schloss die Tür zu ihrem weißen Gefängnis.
Alice verharrte, wartete einige Minuten bis sie Schritte auf dem Gang hörte, ehe sie es wagte sich zur rühren. Sie setzte sich auf und ließ sich vorsichtig aus dem Bett auf den sterilen Boden gleiten. Ihre nackten Füße gaben mit jedem Schritt leise Patsch-Geräusche von sich. Sie ging auf den Zehen um sie in Grenzen zu halten.
Vorsichtig hob sie ihre Matratze an und tastete auf der Unterseite nach einer Unebenheit. Sie stieß auf etwas hartes, direkt an der Kopfseite der Wand. Als sie hatte was sie wollte, schob sie es in ihre Tasche und drehte sich Richtung Tür.
Der blank geputzte Knauf starrte sie an und sein großer Mund schien sie lautlos zu verhöhnen.
„Diesmal nicht“, murmelte Alice. „Keine Bobons und Karotten, kein wachsen oder schrumpfen.“
Sie holte ihre Waffe heraus und hielt sie vor sich. „Diesmal habe ich den Schlü ssel gleich.“
Diesmal triumphierte sie. Auch wenn sie Dinge für diese Waffe hatte tun müssen, die sie nie freiwillig getan hätte, wenn nicht… ja, wenn es nicht um ihre Freiheit gegangen wäre.
Alice steckte den Schlüssel ins Schloss und das leise Schnappen jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Einen Schritt nä her an der Freiheit.
Vorsichtig spähte sie durch die Tür in den endlos langen, weiten Gang, scheinbar tiefer als der Kaninchenbau und jenseits aller Vernunft.
Sie schloss die Augen. Ihre Lippen formten lautlos die Worte, die nie ausgesprochen wurden.
„Aber ich habe keine Lust verrückte Leute zu besuchen.“
„Oh, da lässt sich nicht vermeiden.“ Die Katze grinste. „hierzulande ist jedermann verrückt. Ich bin verrückt. Auch du bist verrückt.“
„Woher weißt du, dass ich verrückt bin?“
„Sonst wärst du nicht hier“, antwortete die Katze.
Alice riss die Augen wieder auf und landete wieder in der Gegenwart. Ich bin nicht verrückt. Deshalb musste sie weg hier. Hier waren alle verrückt. Vielleicht war hier das Wunderland? Hier war kein Wunderland! Es gab kein Wunderland!
Alice schlüpfte durch die Tür in den Gang hinaus und ging auf Zehenspitzen und an die weiße Wand gepresst den Kaninchenbau-Gang entlang. Ihre Augen huschten hin und her. Türen, überall Tü ren. Welches war die richtige?
Immer am Ende. Die richtige ist immer ganz hinten. Die anderen führen in den Wahnsinn. Das Licht der Neonlampen schien erbarmungslos auf sie herab und wü rde sie jedem offenbaren, der an ihr vorbei käme. Sie wollte mit der Wand verschmelzen. Weiß und weiß. Alles war weiß . Der Wahnsinn war weiß. Die Freiheit nicht.
Die Freiheit bestand aus dünnen schwarzen Linien auf einer weißen Wand und hatte einen goldenen Knauf.
Die Freiheit war nah. So nah…
„Alice! Was machst du hier draußen? Solltest du nicht in deinem Zimmer sein?“
Ein fester Griff bohrte sich in ihren Arm und riss sie ein Stück zurück. Alice drehte sich um und sah in das falsche, bö se Grinsen, der Grinsekatzen- Schwester Marie. Ihre Augen funkelten im Neonlampenlicht.
„Wie bist du herausgekommen? Solltest du nicht in deinem Zimmer sein, Alice?“
„Nein“, antwortete Alice und riss sich los. Das Grinsen wankte und für einen Moment sah Alice wer vor ihr stand. Sie wich zurück.  „Nein!“
Das konnte nicht sein. Sie blinzelte und vor ihr stand wieder die Schwester. Keine Grinsekatze. Keine Tigerkatze. Nur die Schwester.
„Alice, kommt mit, ich bringe dich zurü ck in dein Zimmer. Ich verspreche auch, ich verrate dem Doktor nichts.“ Sie grinste breit und verschwörerisch und Alice wich ein weiteres Stück zurück und die Grinsekatze kam weiter auf sie zu.
„Ich werde nicht bleiben“, murmelte Alice. „Hier sind alle verrückt. Ich bin nicht verrückt. Du bist verrückt.“
„Woher weißt du, dass ich verrückt bin, Alice?“ Ein weiterer Schritt.
„Sonst wärst du nicht hier.“ Alice sprang nach vorne und riss die Schwester zu Boden, sie griff nach ihr, doch sie riss sich frei. Die Schwester schrie nach Hilfe, schrie sie an, schlug sie, trat sie.
Alice griff in ihre Tasche und zog ein Messer heraus. Schneller als die Grinsekatzen- Schwerster registrieren konnte was geschah, hielt sie ihr ein Messer an die Kehle und beugte sich zu ihr herunter, dicht an ihr Ohr.
„Ich weiß wer du bist.“ Nicht mehr als ein Hauch, dann
Löschte sie das Grinsen ein für alle Mal aus.
„Nie wieder“, fauchte Alice und rappelte sich auf. Wie ein roter Fluss kam das Blut auf sie zu, doch sie rannte. Sie war nicht mehr darauf bedacht leise zu sein, ihre Füße patschten auf den Boden. Rings um sie herum schrieen Stimmen, riefen nach ihr, jagten sie, lockten sie. Sie war die Freiheit. Mehr als nur ein paar Striche.
Mehr Stimmen, hinter ihr. Sie sah nicht zurück. Schreie. Sie rannte weiter, rannte auf ihre Freiheit zu. Sie konnte sie fast spüren, sie riechen und schmecken.
Alice rannte und fiel. Sie wurde zu Boden gerissen, niedergedrückt. Sie schrie aus vollem Halse. So viele Stimmen, alle durcheinander.
„Haltet sie fest!“ „Ich hab ihren Arm!“ „Oh, mein Gott, Marie!“ „Was hat sie ihr- “ „Gib mir die Spritze!“ „Ich halte-“ „Dafür wird sie-“
Alice schrie. Sie bäumte sich auf, sie kä mpfte, sie riss sich los und rollte zur Seite auf alle viere und erstarrte. Es waren vier, vier Stimmen, die zu einer verschmolzen. Ein Schrei aus vier Mü ndern.
Sie fauchte wie die Grinsekatze, knurrte sie an. Ihre Hand berührte das Messer und ihre Finger schlossen sich um dessen blutigen Hals.
Ihre Augen huschten hin und her wie die eines Tieres. Das Tier würde seine Gefangenschaft hier und jetzt beenden, egal wie. Tod oder Freiheit.
Nie mehr Gitter, schwor sich Alice. Sie wollte raus aus ihrem Käfig. Ein Mann in blauer Uniform kam langsam auf sie zu, er redete doch sie hörte ihn nicht. Alles war war wie ausgeblendet. Sie hö rte nur ihren eigenen Atem.
Sie wartete... wartete bis er nah genug war. Noch wenige Zentimeter. Er beugte sich langsam zu ihr herunter, hob beschwichtigend die Hände.
Als würde sie ihm glauben. Noch ein paar Zentimeter… Jetzt! Sie stützte sich mit beiden Händen fest am Boden und schwang ihre Beine um ihren Körper herum und ließ sie gegen den Körper des Wachmannes prallen. Der Schwung riss ihn um und er fiel nach hinten, riss die anderen um.
Alice nutze ihre Chance, sprang auf und rannte. Immer auf die schwarzen Linien auf der Wand zu. Sie brauchte keinen Schlüssel mehr, sie wusste sie war offen. Sie hatte dafür gesorgt.
Vielleicht war ich verrückt, aber nie dumm. Alice riss die Tür auf und schlug sie hinter sich zu. Sie hatte sich nur Sekunden gekauft, nicht mehr. Sie würden ihr bald folgen.
Es war ihr, als flöge sie die Treppen hinauf, gleitend ohne die Stufen zu berü hren. Sie hörte die Tür unter sich krachen, weit unten und verharrte.
„Wo ist sie hin?“ „Sie kann nicht weit sein, runter!“ „- oben führt nichts, dort wird gebaut, alles verriegelt.“ „Wie konnte-“
Die Stimmen entfernten sich immer weiter, tauchten tiefer in den weißen Kaninchenbau des Hauses, tiefer in den Wahnsinn.
Alice unterdrückte ihre Freude. Noch war es nicht vorbei. Sie musste schnell sein, schnell Handeln, schnell fliehen.
Mit einem leisen Rascheln fielen ihre Kleider zu Boden. Sie betrachtete ihre blutigen Hände. Dieses mal war es nicht ihr Blut. Sie wischte sie ordentlich und darauf bedacht keinen Tropfen zurück zu lassen an ihrem T-Shirt ab und stand wieder auf.
Schnell öffnete sie das kleine Fenster und griff nach dem Beutel, der dort wie verabredet hing. Ihre Kleidung raschelte sanft.
Kein Geräusch drang über ihre Lippen, kein Laut von ihrem vorsichtigen Schritt als sie zurück nach unten ging und wieder durch die Tür in den langen, weißen Gang trat. Sie achtete darauf keine blutigen Fußspuren zu hinterlassen, als sie an dem See aus Blut auf dem Korridor vorbeikam. Vor der toten Grinsekatze stand eine Schwester und schien der Panik nahe. Alice rannte auf sie zu und sie blickte auf. Ihr Blick sprach Bände.
„Was ist hier passiert?“
„Oh Gott, eine Patientin ist Amok gelaufen und hat Schwester Marie schwer verletzt. Ich glaube-“
„Wo ist sie hin?“
„Ins Treppenhaus gerannt, der Sicherheitsdienst und Doktor Connor haben-“
„Bleiben Sie ruhig, Schwester…“
„Luise.“
„Luise, Sie sind neu hier?“, fragte Alice.
„Ja, Frau Doktor. Heute ist meine erste Schicht und-“
„Schon gut, Schwester Luise. Bleiben Sie hier, ich gehe nach vorne und hole Hilfe.“ Alice sah hektisch an sich herunter. „Verdammt, ich habe meine Karte wohl verloren, kann ich Ihre…?“
Schwester Luise nickte schnell und hä ndigte Alice ihre Karte aus. Sie bedankte sich mit einem Nicken und spurtete los, nicht zu schnell und auffä llig und nicht zu langsam. Sie zog ihre Sicherheitskarte durch den Magnetstreifen der Sicherheitstür und stieß sie zeitgleich mit dem Piepen auf. Sie durchquerte den langen Gang, bis zu den Fahrstühlen und zur Treppe. Die Treppe hinunter. Unten warteten ein Wachmann und ein Arzt und erblickten sie.
„Was zum-“
Scheinbar außer Atem blieb Alice stehen. Tränen traten ihr in die Augen. „Eine Patientin, oben in der Geschlossenen ist Amok gelaufen! Eine Schwester ist schwer verletzt und braucht Hilfe! Das Telefon…Wir brauchen… Mein erster Tag heute…“
Sie ließ die Tränen laufen. Der Doktor nickte und schob sie zur Seite. Gefolgt vom Wachmann stürmte der Arzt nach oben. Die Tür fiel ins Schloss und Alice richtete sich auf.
Vor ihr war die Nachricht über sie schon angekommen, Schwestern und Ärzte rannten wie wild durcheinander und ein Krankenwagen hielt in der Auffahrt. Ü berall Schreie.
„Sie ist noch immer-“ „Verschwunden!“ „-hat ein Messer!“ „Verstärkung!“ „-brauchen mehr Beruhigungsmittel!“ „Alle Patienten Oben spielen verrückt!“ „-verletzen sich selbst!“
Nur wenige Meter vor ihr erstreckte sich ein großes, Schwarzes Loch. Der Ausgang aus dem Kaninchenbau.
Um sie herum herrschte reges Treiben. Dr. Alice schlüpfte scheinbar unsichtbar durch die Menge und durch das Loch in die von blauen und roten Lichtern erhellte Freiheit.