Alice
~Schmerz
Was, wenn du nicht mehr rennen
kannst? Wenn die Beine langsam müde werden und zu versagen
beginnen? Sie knicken unter dir weg bevor du merkst, dass etwas falsch
ist. Die Füße bluten, schmerzen und du willst nur
noch weinen.
Die Beine werden schwer, weich und wackelig. Du quälst dich
immer langsamer voran, zwingst dich weiterzulaufen, weil du
weißt, dass wenn du es nicht tust, ist es dein Ende. Sie
werden dich kriegen und wenn sie dich haben wirst du leiden. Sie
sperren dich ein, ohne Aussicht auf Freiheit. Sie geben dir Drogen, die
dich weich machen, gefügig.
Sie erzählen dir, dass du verrückt bist, dass sie dir
nur helfen wollen und dass alles was sie dir antun nur zu deinem
eigenen besten ist. Sie wollen dir nicht wehtun und sie wollen nicht,
dass du dir wehtust.
Sie tun so als wären sie deine besten Freunde dabei sind sie
deine schlimmsten Feinde. Sie mischen dir Medikamente unter das Essen
bis du nicht mehr weißt was wahr ist und was falsch. Du
fängst an ihnen zu glauben und damit hast du verloren. Sie
machen dich verrückt.
Du bist eingesperrt in einem kleinen Raum aus dem es kein Entkommen
gibt. Sie halten dich gefangen wie ein Tier, sie lassen dich nicht
raus, sie beobachten dich und halten dich ruhig. Sie achten auf alles
was du tust oder sagst, analysieren es, interpretieren es und dichten
sich ihre eigene Wahrheit darüber zusammen.
Sie hören dir gar nicht richtig zu, sie hö ren was
sie hören wollen, sie glauben was sie glauben wollen. Denn die
Wahrheit ist, sie wollen dir gar nicht glauben.
Sie wollen, dass du glaubst du wärst verrü ckt, dass
du aufgibst und dich selbst verlierst. Sie machen dich so
gefügig.
Sie wollen dich brechen bis du dich selbst aufgibst und es dir egal
wird was mit dir geschieht. Dann haben sie gewonnen.
Aber so weit willst du es erst gar nicht kommen lassen. Nie mehr. Also
quä lst du dich weiter und spürst immer ihren
heißen Atem in deinem Nacken. Jeder Schritt scheint dich zu
zerreisen, deine Beine wollen dich nicht mehr tragen und du
fängst an zu zweifeln ob es das wert ist.
Du setzt dich hin, nur kurz um dich auszuruhen, dir eine Auszeit zu
gönnen. Du schließt die Augen und wartest, dass der
Schmerz nachlässt und deine Beine wieder Gefühl
bekommen. Dabei schießen die Erinnerungen in dir hoch. Das
was sie tun werden wenn sie dich bekommen. Du weißt was das
letzte Mal passiert ist und, dass es dieses Mal schlimmer werden wird.
Dieses Mal werden sie kein Erbarmen zeigen.
Also stehst du auf. Du reißt dich zusammen, beißt
dir auf die Zähne, damit kein Schrei über deine
Lippen kommt. Die Schmerzen werden schlimmer, doch du ignorierst sie
solange es geht doch irgendwann hältst du es nicht mehr aus.
Und du weißt, dass es nur eine einzige Mö glichkeit
gibt von diesen Schmerzen los zu kommen. Du suchst jemanden, der dir
helfen kann. Eine spezielle Art von Hilfe, die dich etwas kosten wird.
Mehr als du vielleicht zu geben bereit bist. Du hast kein Geld, nichts
was du ihm geben kannst. Nichts?
Aber du brauchst die Hilfe. Also gibst du ihm was er verlangt. Du
spürst nichts während er dich berührt,
während er dir nahe ist, während er in dir ist.
Dein blick ist in die Ferne gerichtet und deine Gedanken wandern
während du ihn gewähren lässt und nur darauf
wartest, dass es vorbei ist.
Als es vorbei bist spürst du keine Erleichterung. Du dachtest
es wäre dir egal, doch du fühlst dich schlecht,
schmutzig, benutzt.
Du willst nur noch fort von ihm, ihn nie mehr wieder sehen. Er sieht
dich an. Voller Verachtung und Gleichmut. Du bist nur eine von vielen.
Er wirft dir hin was du verlangt hast und du greifst danach, voller
Gier. Es wird dir helfen, helfen zu vergessen, helfen weiterzumachen.
Nur für eine Weile, das weißt du.
Und du weißt, dass es danach schlimmer wird. Es wird
härter zu kämpfen, doch in diesem Moment ist es dir
egal. Alles was du willst ist den Schmerz zu vergessen.
Deine Hände zittern während du alles vorbereitest. Du
brauchst alle Konzentration und Kraft, die du aufbringen kannst um
nichts von der kostbaren Essenz zu verlieren oder zu
verschütten.
Sie war teuer, hatte einen hohen Preis und du brauchst sie. Du brauchst
sie so sehr. Dir steigen die Tränen in die Augen, selbst die
Konzentration schmerzt.
Dann hast du es fast geschafft. Du fä ngst langsam wieder an
zu atmen, als du die Flüssigkeit beobachtest, wie sie in dem
Röhrchen in deiner Hand immer höher steigt und die
Phiole in der sie anfangs war sich immer weiter leert. Du bist fast
fertig.
Deine Hände zittern noch immer, nicht nur vor Schmerz sondern
vor Gier und Ungeduld. Du kannst es kaum erwarten.
Dein Herz schlägt schneller bei dem Gedanken, dass bald alles
vorbei sein kö nnte, dass die Schmerzen bald verschwunden sein
könnten und du endlich Ruhe finden könntest.
Die Nadel kratzt über deine Haut und hinterlässt
einen langen roten Riss auf deiner weißen Haut. Du
fährst zusammen und konzentrierst dich erneut, ein letztes
Mal.
Mit letzter Kraft reist du dich noch einmal zusammen und
führst die lange, kalte Spitze an die richtige Stelle. Ein
Stich und sie ist tief in dir.
Du drückst es herunter und siehst zu wie das magische Elixier
in dich eindringt.
Die Spritze fällt klappernd zu Boden und das leere Glas
zerspringt auf dem kalten Asphalt.
Du fühlst fast das Kribbeln wie es sich schnell in deinem
Körper ausbreitet und sich mit deinem Blut vermischt.
Kraftlos lässt du dich nach hinten sinken. Du spürst
langsam wie dein Herzschlag sich verlangsamt und deine Atmung flacher
geht. Schweiß bricht dir aus, doch der Schmerz verschwindet.
Er wird langsam in den Hintergrund gedrä ngt.
Du nimmst alles um dich herum viel deutlicher war, siehst Dinge, die du
vorher nicht gesehen hast, nimmst Dinge war, die vorher nicht da waren.
Du spü rst die Augen, die auf dich gerichtet sind, die
scharfen Krallen, die im trü ben Licht der
Straßenlaterne, die kaum bis zu dir in die dunkle Gasse
reichen, blitzen und in der Dunkelheit funkeln, nur darauf warten dich
zu kriegen. Nur darauf warten, dass du die Augen schließ t
und davon driftest.
Und du schließt die Augen und lässt es geschehen.