Alice

~Stürze

 

Dunkelheit. Dunkelheit. Dunkelheit und Farben. Die Dunkelheit ist voller Farben, keine Farben. Farben?

Alles dreht sich, nichts bewegt sich. Ich will meine Augen schließen, aber sie sind zu. Ich sehe nichts, ich sehe alles. Alles da. Nichts hier.

Was passiert mit mir? Ich falle. Ich stehe. Ich falle immer, immer tiefer. Ohne mich zu bewegen. Die Dunkelheit zieht an mit vorbei. Zieht sie? Nichts bewegt sich. Bewege ich mich? Ja.

Ich falle. Falle tiefer, tiefer. Immer in den Kaninchenbau. Er hat sich nicht verändert. Er ist tief, so tief…

Warum falle ich noch immer? Bilder ziehen an mir vorbei, aber ich erkenne sie nicht. Ich kann nicht sehen was sich auf ihnen befindet. Farben…

Farben? Alles verschwimmt. Meine Augen tun so weh. Ich spüre den Aufprall nicht. Wenn ich ihn nicht spüre, ist er überhaupt da? Ich bin am Ende das Kaninchenbaus.

Ich will ihn nicht verlassen.

Da draußen sind alle verrückt. Woher weiß ich das? Weil ich selbst verrückt bin. Bin ich verrückt? Irgendwas lässt mich nicht daran zweifeln. Aber ich will nicht verrückt sein. Ich war es doch schon so lange…

Ist es nie vorbei? Es ist nie vorbei. Ich mache die Augen auf. Wann habe ich sie geschlossen. Das Kaninchen starrt mich an. Neben ihm ist der Junge. Der Junge aus dem Krankenhaus. Der Junge, den es nicht gibt.

Es ist kein richtiger Junge. Seine Haut schimmert grünlich, er hat gelbe Augen, spitze Ohren, Haare wie Laub. Er sieht aus wie eine Pflanze. Eine verkehrte Pflanze.

Beide starren mich an. Warum starren sie mich an?
Sie reden, doch ich höre sie nicht. Höre gar nichts. Sie bewegen die Lippen. Warum ist der Boden so kalt? Liege ich?

Er ist so kalt… Mir ist warm. Alles um mich herum ist so schön ruhig… Aber was sagen sie? Das weiße Kaninchen schüttelt den Kopf und sieht zu mir herunter. Warum ist es größer als ich?

Ich will etwas sagen, doch kein Wort perlt über meine Lippen. Ich will gar nichts mehr sagen. Warum sollte ich, dachte ich müde. Es ist immer dasselbe. Ich sage etwas und zum Schluss bewirkt es etwas ganz anders. Nie mehr. Dann bin ich eben verrückt.

Ich stemme meine beiden Hände auf den kalten Boden und drücke mich nach oben. Ich habe Probleme zu stehen.

Alles schwankt, alles steht. Ich bin so müde… Mein Blut brennt und verätzt meine Adern. Es lodert, brennt in mir, verbrennt mich von innen.

Außen ist es kalt. Wo ist die Wärme? Es ist so kalt, kalt, kalt… Nur meine Hände sind warm. Warum und so feucht…

Das Kaninchen und der Junge starren mich noch immer an. Seine gelben Augen funkeln. Das Rascheln seines Laubhaares wird zu mir herüber getragen, doch ich höre noch immer keine anderen Geräusche.

Nur das Rascheln seiner Haare. Meine Beine schwanken, knicken unter mir weg. Ich schlage wieder auf dem Boden auf. Ein Schmerz explodiert in meinen Knien, in den Händen und  ich schreie. Ich höre ihn nicht. Den Schrei. Habe ich geschrieen? Ich kann nicht geschrieen haben, wenn ich keinen Schrei gehört habe. Es hat keinen Schrei gegeben.

Meine Knie tun weh. Meine Hände brennen. Ich gebe auf und versuche nicht noch einmal aufzustehen. Würde es etwas bringen? Fallen, fallen bis zu Aufprall. Weiter fallen. Immer wieder.

Alles ist so rot. Warum? Ich sehe zu Boden, alles rot. Meine Finger fahren durch die rote Farbe. Schreiben meinen Namen. Alice. Ich kichere.

Alice, Alice, Alice. Sei ein braves Mädchen, Alice. Immer brav. Es gibt kein Wunderland, Alice. Das war nur ein Traum, Alice. Sei ein braves Mädchen und geh schlafen. Braves Mädchen, bravesMädchen, bravesmädchen, brav…

Warum ist alles so rot? Meine Gedanken schweifen. Ich versuche sie zu halten. Halte sie. Rot… Konzentriere mich. Scherben? Waren sie schon die ganze Zeit da? Zerbrochenes Glas. Glas. Hinter dem Glas, hinter den Spiegeln. Rot…

Blut. Blutblut, rotes Blut. Mein Blut. Ich starre herab auf meinen blutigen Namen.
Mein Name blutet. Warum Blutet er?

Glasscherben überall. Auf dem ganzen Boden, auf meiner Hose, in meiner Hand.

Schneiden sich ins Fleisch, teilen es wie Butter. Fasziniert beobachte ich den roten Fluss, der mein Handgelenk hinab fließt. So schön, so schön…

Langsam tut es weh. Warum tut mir die Farbe weh? Warum tut mir überhaupt etwas weh? Mir darf nichts wehtun. Er hat doch gesagt es geht weg, wenn ich es nehme. Es ist doch sonst auch weggegangen…

Es darf nicht wehtun! Darf es nicht? Darf es? Nicht. Tut weh. Mit wird schwindlig. Meine Lider werden müde, zu müde sie zu schließen. Fallen, Fallen mit mir.

Fallen zu Boden. Mehr Schmerz, Knirschen, viel Rot. Keine Bewegungen mehr. Lässt nach. Müde…

Die Scherben schneiden sich durch meine Haut tief in mein Fleisch, reißen es auf und befreien mein brennendes Blut. Ich will schreien, weinen, bewegen.

Nicht sterben. Bin doch frei, nicht sterben. Dann könnte ich schlafen. Für immer schlafen… Herrlich und verlockend. Die Stimmen rufen mich, wollen mich zu sich hohlen ins Land der Träume. Nicht das Wunderland. Gibtkeinwunderland. Braves Mädchen. Alice’ Name blutet. Aber warum tut es weh wenn der Name blutet? Tut es ihm weh? Mir tut es weh. Und ihm?

Ich liege da. Liege da und warte bis es aufhört. Wird es aufhören? Sag mir es hört bald auf? Hört es schon auf? Bitte sag es mir. Hört es auf?