Alice
~ Blut
Sie ist tot. Tot, tot, tot. So lange habe ich darauf gewartet sie endlich sterben zu sehen. Sie, die Gefahr, die Wahnsinnige, die Erlöserin. Sie wird niemanden mehr erlösen. Sie ist tot.
Es wurde Zeit. So lange habe ich auf diesen letzten Schritt hingearbeitet. Ihr Wahnsinn war mir so willkommen. Anfangs war sie noch nicht wirklich verrückt. Sie hatte Angst und ich habe es für mich genutzt.
Eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Es war so einfach. Einfacher als meine Schwester vom Thron zu stoßen, viel einfacher. Sie hat der Stimme sofort geglaubt. Dumm war nur, dass man sie zu früh gefunden hatte. Aber so hatte ich mehr Zeit sie leiden zu lassen, die angebliche Retterin.
Als sie eingewiesen wurde, sagte mein Berater man könnte sie vielleicht am Leben lassen, sie stelle keine Gefahr mehr da. Er bereute es, mir solch einen Rat gegeben zu haben, als die Axt seinen Hals durchtrennte.
Sie war zäher als ich dachte, doch nichts hält ewig. Ich habe ihren Widerstand gebrochen, bis sie nicht mehr wusste was wahr ist und was falsch. Ich habe jede Sekunde ihres Schmerzes und ihrer Angst genossen.
Ich habe ihr eine ganz besondere Schwester, eine alte Bekannte, die sie sofort erkannte, zukommen lassen und ganz besondere Tabletten. Es hat sie schreien lassen, weinen und an ihrem Verstand zweifeln lassen.
Diese leise Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagte was zu tun war. Sie glaubte es sei ihre, doch sie täuschte sich. Es war meine und sie glaubte mir. Sie glaubte mir alles.
Ihre Flucht war eine Überraschung, doch kein weiteres Besorgnis. Schade um die Tigerkatze, aber in jedem Kampf gibt es Verluste, selbst in Kämpfen wie diesen.
Eigentlich kam mir ihre Flucht gelegen, die einzige Chance sie ganz los zu werden. Selbst mit meiner eingesetzten „Schwester“ konnte ich sie nie loswerden und solange sie lebte war sie eine Gefahr. Eine Gefahr, die beseitigt werden musste bevor sie mich beseitigte.
Sie sah so erbärmlich aus wie sie da lag, auf der Straße, fast nackt und was sie tun musste um ihre Schmerzen los zu bekommen. Ich genoss ihre Qualen, den Ausdruck auf ihrem Gesicht und den unendlichen Schmerz, den er ihr zufügte. Es versetzte mich fast in Erregung sie so hilflos zu sehen. Sie, die Wahnsinnige, die Retterin, die Erlöserin auf die diese kleinen Idioten sich so verzweifelt stützen. Es war amüsant.
In ihrem Delirium nachdem sie die Spritze benutzt hatte fiel sie in die Scherben. Sie rissen ihre Arme auf, ihre zarte Haut, ihre pulsierenden Adern.
Es war köstlich wie ihr weißes Hemd sich langsam rot färbte und ich konnte meine Freunde kaum unterdrücken, wie sie so regungslos dalag und ich die Verbindung zu ihrem Leben verlor, dass immer mehr schwand.
Als sie immer schwächer wurde und als dann die Verbindung riss, machte ich mir nur kurz Gedanken darüber was geschehen sein mochte. Ich konnte es mir bildlich vorstellen, doch ich war etwas enttäuscht, dass ich nicht persönlich hatte sehen können wie der letzte Lebensfunke in ihren Augen für immer erlosch.
Jeder Zweifel den ich über ihren Tod gehabt hatte wurde ausgelöscht als er wieder kam und mir die volle Phiole mit ihrem Blut überreichte. Köstliches, reines rotes Blut. Nur verschmutzt durch ihren Wahnsinn, doch es kitzelte meine Zunge wie eine Fliege während ihres Todeskampfes in einem Fliegennetz. Es war so süß und köstlich und fast noch warm...
Ich sog den letzten Rest ihres erbärmlichen Lebens in mich auf, jeden Tropfen genießend. Tot, tot, tot. Leblos, atemlos, bewegungslos, zeitlos, tot. Verschwunden und vergessen für alle Zeit. Ich lachte bis meine Brust mir zu zerreisen drohte und verschüttete fast die letzten vortrefflich prickelnden Schlucke ihres roten Lebens.
Nur eines fehlt… Fehlt damit alles vollkommen wäre.
Ich schnippe. Ich schnippe und er kommt so schnell es geht. Ich sehe die Furcht in seinen Augen, doch ich habe kein Verlangen es zu genießen. Es ist etwas anderes wonach es mich sehnt.
„Ihr Herz.“
„Ihr Herz, Hoheit?“
„Es verlangt mich danach. Du solltest es bringen. Wo ist es?“
Für einen Moment starrt er mich an. Ich sehe die Furcht wachsen und weiß was das bedeutet. Heißer Zorn kocht in mir auf. Sein Haar raschelt leise als er zurückweicht.
Ich erhebe mich und öffne den Mund um sein Todesurteil zu sprechen, doch ich verharre. Etwas reist mich los. Ein dumpfer Schlag, kaum zu hören, doch er ist da. Leise. Nur einer? Zwei. Drei. Vier. Immer mehr.
„Nein.“ Nicht mehr als ein Zischen doch laut genug, dass er weiter zurückweicht. Ich beachte ihn nicht, beachte nur die Schläge. Ich weiß was sie bedeuten und ich weiß was es heißt sie zu hören. Und ich weiß was die Stille bedeutet, die darauf folgt.
Sie ist wieder da. Sie lebt. Und ich habe sie verloren.
Zitternd lasse ich mich zurück auf das rote Kissen sinken und balle eine vor Wut zitternde Faust. Heißer Zorn überrollt mich wie eine zu hohe Welle und ich presse die Lippen fest aufeinander um nicht vor Rage zu schreien.
Fingernägel schneiden in mein
Fleisch und es knirscht in meiner Hand. Ich nehme es nur am Rande wahr,
doch ich sehe hinab und sehe mein Blut auf den Boden tropfen.
Ein stumpfes rot. Langsam öffne ich meine Hand und blicke
hinein. Ich halte noch immer die Phiole mit ihrem Blut.
Ihr Blut und mein Blut. Sie ist zersprungen, zerplatzt in meiner Hand.
Mein Blut und ihr Blut vermischt. Mit einem Zucken lasse ich das zersplitterte Glas zu Boden fallen und starre taub auf meine Hand.
Hundert winzig kleine Risse und Schnitte. Rot, rot, rot. Rot wie der Tod. Alles verschwimmt als ich anfange zu schreien ohne zu wissen ob vor Rage oder Schmerz. Asche zu Asche, Staub zu Staub, Blut zu Blut.
Auf einmal sieht es nicht mehr so köstlich aus. Ich führe langsam meine Finger zum Mund und lecke sie ab. Bitter, sauer, beißend, nicht länger süß und rein. Es ist vergiftet, verdorben, verpestet.
Es ist unrein. Es ist nicht länger nur ihr Blut, nicht länger meines. Es ist unseres. Blut. Das Elixier allen Lebens.
Doch für sie wird das nur den Tod bedeuten. Wegen ihr ist unser Blut vertauscht, unrein und vermischt. Ich habe wegen ihr die Kontrolle verloren.
Nein, das stimmt nicht. Nicht wegen ihr. Wegen ihm. Meine Augen huschen fieberhaft hin und her. Er ist weg. Er hat mich betrogen. Hat mir ihr Blut gebracht und mich davon trinken lassen obwohl sie noch lebt. Sie hat ihn dazu gebracht. Ich spüre es. Ich rieche es und ich schmecke es an dem bitteren Nachgeschmack ihres verdorbenen Saftes. Sie ist daran Schuld, sie hat es geplant, wollte die Kontrolle an sich reisen und hat ihn dazu gebracht mich zu hintergehen. Dafür wird sie büßen.
Nach allem was geschehen ist. Bis jetzt hat sie noch keinen Schmerz gekannt, doch schon bald wird sie darum winseln nur einfachen Schmerz zu empfinden bei den Qualen, die ich ihr zufügen werde.
Sie hatte gerade mit ihr Todesurteil mit ihrem eigenen Blut unterschrieben.