Alice

~Herzschläge

 

Es klopft. Ich höre es schlagen. Wie kann es tot sein, wenn ich es doch schlagen höre? Spüre. Ich fühle es. Es schlägt und es tut weh. Man kann nicht tot sein wenn man Schmerzen hat. Kann man? Alles tut mir weh. Es schlägt Schmerzhaft in meiner Brust, zerreist mich fast als würde es sich unbedingt seinen Weg nach draußen bahnen wollen. Wie ein Tier, dass sich seine genommene Freiheit wiedererkämpfen will. Was sollte es dort wollen?

Dort würde man es kaputtmachen, schlagen, treten, verschlingen, zerstören.

So wie man es all die Jahre versucht hat. Aber es schlägt immer weiter. Es wird langsam ruhiger und das freut mich. Es tut nicht mehr so weh. Alles andere tut noch weh, aber es nicht.

Seine Schläge werden gleichmäßig und pressen nicht mehr so schmerzhaft gegen meine Brust. Es kämpft nicht mehr gegen mich an. Vielleicht hat es keine Kraft mehr? Vielleicht hört es gleich einfach auf und verstummt für immer?

Ich höre seinem gleich bleibenden Rhythmus zu und genieße es irgendwie es schlagen zu hören. Ich will nicht, dass es schweigt! Ich will ihm immer weiter zuhören.

Ich habe nicht geglaubt es überhaupt noch einmal zu hören.

Warum höre ich es noch? Warum lebe ich noch? Lebe ich noch?

Ich kann nicht tot sein, denn sonst würde es nicht schlagen. Oder? Tote Herzen schlagen nicht. Vielleicht schlagen sie da wo ich bin. Wo bin ich?

Im Wunderland? Schlagen tote Herzen im Wunderland? Nein, selbst da schlagen keine Herzen mehr. Warum nicht? Weil es kein Wunderland gibt? Nein, keine Frage, es ist sicher.

Warum denke ich schon wieder daran? Meine Gedanken schweifen.

Mein Herz schlägt. Schlägt, schlägt, schlägt. Es tut so gut. Ich genieße es, würde am liebsten immer so liegen bleiben mit dem Gefühl am Leben zu sein. Leben.

Am Leben sein. Warum lebe ich? Meine Erinnerungen sind verschwommen. Ich kann mich nur an Blut erinnern. Alles so rot, rot von meinem Blut. Scherben, Stimmen, Blut.

Was ist geschehen? Wo bin ich?

Alles ist dunkel und still um mich herum. Die Dunkelheit ist immer still. Still bis auf den sanften Schlag meines Herzens, der fast in den Hintergrund gedrängt wird von der Geräuschlosigkeit. Ich will das nicht. Will das Pochen immer weiter hören. Für immer, nie mehr aussetzen.

Meine Augen sind noch geschlossen. Ich will sie nicht öffnen, doch es ist so dunkel. Die Dunkelheit macht mir Angst. Noch mehr Angst macht mir der Gedanke was ich sehen werde wenn ich die Augen öffne.
Was wenn ich wieder zurück bin? Zurück in der Psychiatrie, ganz weit weg gesperrt, in ein Zimmer ohne Fenster und mit dicken Wänden in denen deine Schreie untergehen und jenseits von ihnen nie existiert haben? Würde ich mich dann freuen noch am Leben zu sein und meinen Herzschlägen zu lauschen?

Was wenn ich noch immer auf der Straße liege, in den Scherben, in meinem eigenen Blut und schon so taub, dass ich es einfach nicht mehr spüre?

Was wenn es einfach aufhört sobald ich die Augen öffne? Ganz aufhört zu schlagen und ich nie mehr das beruhigende Klopfen hören kann?

Was wenn…? Was wenn ich ganz woanders bin? Nicht wissend ob besser oder schlechter.

Was wenn ich einfach nicht die Augen öffne? Wenn es mich nicht interessiert wo ich bin, solange ich nur hier bin. Wo auch immer hier genau ist.

Dann muss ich mir keine Sorgen machen ob es wirklich gut ist, dass ich es höre und mich nicht darum kümmere was ich als nächstes tun muss. Nichts planen.

Ich will es nicht wissen. Ich will nur daliegen und einfach meinem schlagenden Herzen zuhören und hoffen, dass es immer weiter macht.