Feuer
Lucy saß verängstigt und zitternd, mit dem Rücken gegen die kalte Steinwand gepresst, in einer Ecke des dunklen Kerkers, in den sie gesperrt worden war. Sie wusste nicht wie lange es her war. Stunden? Tage? Wochen?
Vergilbtes, nasses Stroh piekte sie durch ihren Rock hindurch und riss an ihrer wunden Haut, doch sie kümmerte sich nicht darum. Sie würde ohnehin bald nicht mehr leben, was für eine Rolle sollten dann diese kleinen Kratzer spielen? Im Gefängnis verlor man schnell die Hoffnung. Hier kam man nur noch für den Gang zum Galgen oder Scheiterhaufen heraus.
Lucy war der Hexerei angeklagt worden und zum Tode verurteilt. Sie hatte keine richtige Gerichtsverhandlung bekommen, keine Verteidigung, nur eine Anklage.
Als man sie angeklagt hatte, hatte sie geschrieen, geweint und beteuert, dass sie nichts unrechtes getan hätte.
Umsonst. In den kalten Augen ihrer Ankläger war sie nur eine weitere von vielen, die man beseitigen würde. Eine weitere Hexe weniger, ein weiteres Problem weniger. Sie war nur eine von vielen, die ihren Tod durch den Scheiterhaufen fand.
Bald war es soweit. Sie spürte wie ihr die Zeit davon lief und ihre letzten Stunden viel zu schnell dahin rasten.
Sie musste für eine Sache sterben, die sie nicht getan hatte. Angeklagt, das Baby einer Nachbarin im Schlaf erstickt zu haben. Lucy war die Hebamme und das Kindermädchen gewesen, eine Heilerin, die sich mit Kräutern auskannte und half wenn man sie brauchte. Aber wer Gutes tat konnte auch böses tun, hatten die Richter gemeint als sie versuchte sich zu verteidigen und sie unsanft zum Schweigen gebracht
Sie hatte das Baby tot im Kinderbett gefunden. Also fiel der Verdacht zuerst auf sie .Das war Grund genug für sie zu sterben.
In Wirklichkeit war Lucy ein nur junges Mädchen, die noch nie etwas Unrechtes getan hatte und jetzt wie so viele unschuldig sterben musste.
Stundenlang war sie gefoltert und begafft worden und hatte alles stillschweigend, weinend hingenommen. Mit Hoffnung. Hoffnung, die mit betreten des Kerkers zerstört worden waren. Sie war verloren. Bald würde man sie hohlen kommen und dann war alles aus.
Kleine Atemwölkchen bildeten sich vor ihrem Mund und verschwanden gleich um neuen Platz zu machen. Für einen Moment hörte sie auf zu atmen, hielt die Luft an und stellte sich vor wie es wäre nie mehr atmen zu können. Tränen standen in ihren Augen, doch ihre Wangen blieben trocken.
Von der Tür aus erklangen Schritte und das Klirren von Schlüsseln. Lucy fuhr panisch zusammen. Ihre Hände krallten sich am kalten Stein fest, bis ihre Nägel abbrachen und Blut hervorquoll.
Noch nicht! Das war zu früh! Viel zu früh. Sie war doch erst 15…
Ein später würde es nicht mehr geben. Der Gehilfe des Henkers zerrte sie mit den Worten „Komm mit Hexe!“ aus ihrer Ecke. Unsanft packte er sie und schleifte sie hinaus in die eintretende Dämmerung. Der Mond schien schon voll und silbern auf sie herab und die Sterne glänzten golden. Mit Tränen verhangenem Blick sah Lucy eine Sternschnuppe vorbei fliegen.
„Mach, dass es nicht weh tut!“, flehte sie stumm zur Göttin. Hatte sie sich von ihr abgewandt? Nein, sie wusste, dass sie unschuldig war. Aber warum half sie ihr nicht? Musste sie sterben wie Hunderte andere Mädchen? Wie ihre Mutter?
Sie wollte die Sterne zum vielleicht letzten Mal in ihrem Leben sehen, doch die golden schimmerten Punkte verschwammen in ihren stummen Tränenfluten. Überall standen die Dorfleute und gafften sie mit hasserfüllten Blicken an. Einst waren es Freunde und Nachbarn gewesen, Menschen, denen sie mehr als einmal geholfen hatte, die sie geheilt und teils vom Tod bewahrt hatte. Aber jetzt? Niemand hatte sie verteidigt, als man gekommen war sie zu hohlen. Niemand hatte ihr geholfen. Freundschaft hatte sich in Hass verwandelt, jeder hatte Angst der Nächste zu sein falls man sich für eine Verurteilte einsetzte, selbst wenn sie noch ein halbes Kind war.
Lucy wurde auf einen Haufen Strohs und trockenen Holz gezerrt und an einem harten Pfahl festgebunden. Der Priester sprach noch einmal jene vor dem Teufel warnende Worte, die er bei jeder Hexenhinrichtung sprach, dann ließ der Henker das Stroh in Brand setzten.
Lucys Herz klopfte zum zerspringen heftig und der allmählich aufsteigende Qualm raubte ihr die süße Atemluft. Übelkeit stieg in ihr hoch und ihr wurde schwindelig. Sie wollte die Augen schließen und das Bild des sich immer höher fressenden Feuers aus ihrem Kopf zu verdrängen, doch es gelang ihr nicht sich zu bewegen. Ein Film ihrer Kindheit zog an ihrem Inneren Auge vorbei. Ein Film von ihrer Mutter, wie sie lachte, beim kochen, beim nähen am Feuer und letztlich von ihrer Hinrichtung. Wie sie geschrien und geweint hatte, dass sie unschuldig sei. Wie sie zur Göttin gerufen hatte und gebeten hatte sie schnell zu erlösen. Ihre letzten Worte, die ihrer einzigen Tochter gewidmet gewesen waren.
Lucy hustete und ihre Lunge brannte vom schweren Rauch. Hitze stieg ihr unter den Rock und sengte ihr die Beine an. Sie spürte das Feuer höher steigen und gierige Flammen umfassten sie langsam und leckten nach ihr. Der Pfahl hatte Feuer gefangen und es griff auf ihr Haar über. Angstschauer liefen ihr über den Rücken. Panisch starrte sie an sich hinunter und musste hilflos zusehen, wie sich das Feuer höher und höher fraß, genährt von ihr.
Die verzweifelten Bewegungen und Schreie schienen nicht von ihr zu stammen. Es kam ihr vor, als sähe sie jemanden mit ihrem Gesicht von weiten zu. Einem Mädchen, das vor Schmerzen schrie und sich gegen die Fesseln lehnte, dagegen ankämpfte um frei zu kommen. Doch sie war gefangen. Die Fesseln schnitten in ihr Fleisch bis Blut an ihnen herab rann und zischend ins Feuer tropfte.
Ihr Körper brannte und sie konnte nicht atmen. Der Schmerz über den Verrat ihrer Freunde verbrannte sie innerlich und die Flammen äußerlich. Sie starb. Es gab keine Hoffnung mehr an die sie sich klammern konnte. Nur noch diese schlichte Tatsache, diese mächtigen zwei Worte. Ich sterbe.
Die Schreie der Dorfbewohner schrumpften in sich zusammen. „Brenne, Hexe, brenne!“ Ein schriller Singsang, dessen Bedeutung immer weiter verschwamm und zu einem fernen Brummen wurde.
Die Schmerzen waren zu stark und sie hatte keine Kraft mehr. Ihre Augen blickten ins Leere, unfähig ein bestimmtest Ziel zu erfassen. Alles vor ihr verschwand in einem roten Schleier. Die Leute, die sie anschrieen und das Feuer anspornten „Brenne, Hexe, brenne!“, die Sterne, alles. Nur eines blieb klar. Eine Frau, sie stand hinter der Menge, abseits und lächelte ihr zu.
Wie pures Licht schien sie ihr entgegen, wie die Ruhe und der Frieden selbst, verkörpert in unglaublicher Schönheit.
Eine plötzliche Ruhe legte sich über Lucy. Sie hörte auf sich zu wehren.
Es war vorbei. Sie war hier um sie abzuholen. Sie waren wieder zusammen. Sie hatte sie nie vergessen, sich nie von ihr abgewandt, sie war hier um sie zu erlösen und sie zurück zu ihrer Mutter zu bringen. Eine stille Freude machte sich in ihr breit, die Schmerzen verschwanden noch vor ihrem letzten Atemzug. Alles würde gut werden. Sie war hier um sie mit zurück zu nehmen. Zurück nach Hause, dahin wo sie hingehörte.
Lucy lächelte ihr entgegen und schaute ein letztes Mal zum Mond hinauf. Dann schloss sie die Augen und hörte auf zu kämpfen.