Die schönste aller Landschaften

 

Seine Lippen sind wie eine Landschaft. Auf Distanz mag man nicht so furchtbar viel erkennen, aber wenn man nahe genug heran kommt, dann erkennt man die Struktur. Berge und Täler, aus getrocknete Flussbetten und Grenzen, die man entlang wandern kann. Winzige Unebenheiten, die der Landschaft ihren Charakter geben, sie aber nicht weniger perfekt machen.
Die Narbe an seiner Oberlippe, die er sich mit sieben bei einer Keilerei mit seinen ältern Brüdern zugezogen hat, ist wie ein Kliff, das in die perfekte Höhle seines Mundes führt. Ein Kliff, von dem ich mich nur zu gern Tag für Tag stürze.
Die Senken, die seine Grübchen bilden wenn er mir dieses atemberaubende Lächeln schenkt, das nur für mich zu existieren scheint, bilden die Ausläufer eines tosenden Sturmes, den seine Worte heraufbeschwören können.
Die winzigen Partikel und Zellen, die auf seiner Lippenlandschaft die Weide bilden, bewegen sich im Wind meiner und seiner Atemzüge.
Ich könnte ewig nur dasitzen und das perfekte Abbild einer menschlichen Landschaft betrachten, wenn da nicht die Schwerkraft wäre.
Jene Anziehungskraft, die mich dazu bringt mich immer wieder nach vorne zu beugen und seine Landschaft mit meinen Lippen abzudecken und den Sturm losbrechen zu lassen.