Linda
Ich weiß noch was ich gedacht habe, als sie in die Cafeteria gerannt kamen, ihre Waffen im Anschlag und mit diesen dämlichen schwarzen Skimützen, die ihre Gesichter nicht mal verdeckten. Ich dachte „Finden die Spinner das etwa lustig? Nach allem was in den letzten Monaten und Jahren passiert ist?“
Scheinbar fanden sie das. Ich kannte sie aus Geographie. Einer von ihnen, John, saß direkt vor mir und sein Freund war schräg hinter mir. Sie waren etwas verschlossen, doch eigentlich immer nett gewesen. John war süß. Ich erinnere mich an seine kleinen Lachfalten, wenn er sich zu mir beugte um mir einen Witz zu erzählen, den er irgendwo aufgeschnappt hatte oder mir seine neuste Verschwörungstheorie wie er unsere Mrs. Jenkins, eine fiese alte Schachtel, umbringen würde. Am liebsten erschießen.
Es dauerte nicht lange bis die ersten Kugeln einschlugen. In Tische, Bänke, Essenstheken, Schüler.
Ich hörte die Schreie bevor ich die Schüsse hörte.
Ich begriff wie die meisten zuerst gar nicht, was los war. Mein Instinkt riet mir einfach sich unter den Tisch zu ducken und vor ihnen zu verstecken, doch ich tat es nicht. Nicht bewusst, denn dafür war es zu spät.
Linda saß neben mir, wie ein kleines Kind die Augen geschlossen und vor sich hin murmelnd, als würde es etwas helfen und niemand könnte sie sehen, wenn sie niemanden sehen konnte. Sie drückte ihre Hände auf meine Brust und ich verstand nicht warum. Sie weinte und schrie um Hilfe, doch sie war nicht verletzt. Warum regte sie sich so auf? Ich meine, wenn wir uns still verhielten, ließen sie uns doch in Ruhe, oder?
Um mir herum ertönten von überall her Schreie und Schüsse. Neben mir viel ein Junge, den ich aus dem Mathe Unterricht kannte zu Boden. Timothy.
Er starrte mich aus leeren Augen an und ich wollte ihm aufmunternd zulächeln, versuchte ihm zu sagen, dass uns nichts passieren würde.
Mein Gehirn hatte in diesem Moment noch nicht akzeptiert, dass Timothy tot war, erschossen vor mir lag und mich anklagen anstarrte, als wäre ich es gewesen, die den Abzug betätigt hätte und nicht die beiden Jungen. Ein einzelner Schuss fällt.
Linda neben mir schrie immer weiter, sie weinte so laut, dass es fast weh tat. Ich wollte ihre Hand drücken, doch sie hielt sie vor ihren Körper. Sie waren blutverschmiert und tropften rot.
Was ist denn los? Bist du getroffen worden? Hast du große Schmerzen? Linda!
Warum antwortest du mir nicht? Linda!
Ich wollte sie schütteln und zur Vernunft bringen, doch ich war starr. Alles fühlte sich so weit weg an und ich war so müde. Wie konnte ich nur ans schlafen denken?
Wie hatte John nur daran denken können so etwas zu tun? Nicht nur daran denken, wie hatte er so etwas tun können?
Oh John, sag es mir doch. Warum denn? Was ist
denn passiert? Wir kennen uns doch schon so lange, John, seit dem
Kindergarten. Wir haben doch immer zusammen gespielt. Warum
schießt du auf meine Freunde? Warum hast du Linda wehgetan.
Sie weint so sehr. Ihre Tränen fallen auf mich und sie zittert
so sehr. Warum hast du ihr weg getan?
Ein Schuss. Timothy? Hast du gesehen ob Linda getroffen wurde? Wir müssen Hilfe hohlen. Warum ist es hier so still? Keine Schüsse mehr. Haben sie keine Munition mehr? Sind sie weg? Haben wir es überstanden?
Linda, hör auf zu weinen, sie sind weg! Wir sind in Sicherheit. Bald kommt Hilfe. Sie werden es schon wieder hinbekommen, Linda. Hör doch auf zu weinen.
Es ist so dunkel. Ist das Licht aus? Wer hat das Licht ausgemacht? Plötzlich war es gleißend hell. Dunkelheit war mir lieber. Ich blinzelte.
Ich war nicht mehr in der Cafeteria, aber ich kann mich nicht erinnern sie verlassen zu haben. Ich stand neben einem Krankenwagen und eine Trage wurde hinein geschoben. Ich sah Lindas braunes Haar unter dem weißen Laken hervorlugen. Ein dunkelroter Fleck bildete sich da wo ihre Brust war. Warum haben sie sie zugedeckt? Warum helfen sie ihr nicht?
Hey! Helft ihr doch! Sie ist meine beste Freundin, ihr müsst ihr helfen!
Ich verstand nicht warum sie Linda nicht helfen wollen. Sie ist doch verletzt. Ich drehte mich wütend um, jemanden suchend, der meiner Freundin helfen konnte, wenn sie es nicht wollten.
Ich lief schnell über die Wiese vor unserer Schule. Hier standen so viele Menschen. Lehrer, Eltern, Schüler, Polizisten, Reporter.
Ich hörte ihre Stimmen an meinem Ohr. „-waren zwei!“ „-haben einfach angefangen um sich zu schießen! Auf die Schüler und Lehrer, alle!“ „-Waffen gegen sich selbst gerichtet.“ „Sie saß eben noch neben mir und lag dann schon auf dem Boden!“ „Direkt in die Brust!“ „Mandy-“
Mandy? Ich hörte Lindas Stimme und drehte mich zu ihr um. Mein Gesicht erhellte sich. Sie lebte und es ging ihr gut! Das war gar nicht sie gewesen unter dem weißen Laken!
Ihr Gesicht war verschmiert und neben ihr standen die anderen, unsere ganze Clique. Und ein paar Polizisten. Sie hatten einen dichten Kreis um sie gebildet. Alle waren weiß im Gesicht und weinten. Warum weinen sie denn? Linda ging es gut und die anderen waren doch gar nicht in der Cafeteria gewesen. Dort waren wir doch normalerweise nie, wir aßen doch immer draußen auf dem Rasen, nur heute wollten wir uns drinnen mit unserer Theater Gruppe treffen. Was war nur mit ihnen los? Es ist doch niemanden etwas passiert oder? Ist jemand getroffen worden?
Das Mädchen unter dem Tuch? Kennen
wir sie? Linda? Mike? Jenett? Was ist denn? Warum weint ihr denn alle?
„Mandy!“ Linda schluchzt meinen Namen. Ja? Was ist
denn? Ich bin doch hier! Linda! Sehr ihr mich nicht? Ich bin doch da!
Direkt vor euch.
Langsam wurde ich wütend. Was war denn los? Mir ging es doch gut. Ich war hier, wie immer. Ich fühlte mich nur etwas komisch, aber eigentlich gut für das was gerade geschehen war.
„Warum Mandy?“
Warum Mandy? Ich bin doch hier. Ich lebe. Ich bin doch nicht… Langsam drehte ich mich um, zurück zu dem Krankenwagen. Er stand noch dort mit geschlossenen Türen, doch niemand war in seiner Nähre. Warum stand er denn einfach nur so da? Was war denn mit dem Mädchen unter dem Laken? Warum half ihr denn keiner? Warum hatten sie sie einfach da hinein geschoben? Braunes Haar. Was war mit ihr? War sie tot? Hatte John sie erschossen. Oh John…
Ich ging zu dem Wagen und stieg vorsichtig hinein. Braunes Haar, Lindas Haar. Ich schlug das Tuch zurück und seufzte. Sie sah so ruhig aus, als würde sie schlafen. Einen langen, langen Schlaf. Ohne Atmung
Auf ihrer Brust hatte sich ein dunkler Fleck gebildet. Die Abdrücke von Händen waren zu sehen, die den Fleck verschmiert hatten. Wie Fingerabdrücke auf ihrem weißen Pullover mit den dunkelroten Flecken.
Ich strich ihr vorsichtig ihr Haar aus der Stirn und studierte ihr ruhiges Gesicht. Sie hatte schönes Haar. Braunes Haar. So wie das von Linda. Sie sah Linda sehr ähnlich. Sie waren doch beste Freundinnen und Schwestern. Sie wurden immer verwechselt.
Sie lag so ruhig. Sie war doch nie so ruhig
gewesen. Ein Wirbelwind. Eine Frohnatur. Ich hörte etwas zu
Boden fallen. Ich hob das kleine silberne Band auf und
lächelte. Mandy.
Ich liebte diesen Anhänger. Linda hatte ihn mir geschenkt,
erst heute weil doch heute unser Geburtstag war. Wir schenkten uns
immer etwas Persönliches.
Ich ihr und sie mir. Wir waren uns sehr nahe, näher als die meisten Schwestern, Zwillinge.
Mandy und Linda, Linda und Mandy. Ich lächelte traurig auf mein Gesicht herab.
Jetzt würde uns niemand mehr verwechseln.