Der Moment, auf den es ankommt

 

Ich bin gerade gestorben. Man sollte meinen, dass es mich mehr berühren würde, aber das tut es nicht. Nicht wirklich. Nein, eigentlich gar nicht.

Es fühlt sich nicht besonders an, nicht anders obwohl ich weiß, dass es anders ist. Nicht dramatisch. Kein Donnerschlag, kein Blick, kein langer Tunnel mit einem Licht am Ende.
Es war weder abrupt noch langsam, es ist einfach passiert.

Plötzlich war alles still und schwarz obwohl „plötzlich“ vielleicht das falsche Wort ist. Es fühlte sich nicht plötzlich an.

Die Dunkelheit ist angenehm und ruhig. Sie ist vertraut, als würde mein Körper, falls man es so nennen kann, da ich mir ziemlich sicher bin, dass mein richtiger Körper noch auf der Straße liegt, sie erkennt und begrüßt.

Hier gibt es keine Angst. Keine Unruhe. Keine Sorgen. Vielleicht gibt es hier gar nichts, weil doch so unsicher ist wo hier eigentlich wirklich ist, aber es ist nicht so, als würde es stören.

Zeit gibt es auch keine, er ich weiß, dass ich noch nicht lange hier bin. Die Erinnerungen an den Unfall sind noch frisch, aber es berührt mich nicht. Solle es mich nicht berühren, wenn ich die Bilder vor Augen habe, wie ich von dem Wagen getroffen werde, so unvermittelt als ich die Straße überqueren wollte, er durch die Luft geworfen wird und hart auf dem Beton aufprallt?

Vielleicht sollte es mich berühren. Es ist, als würde man sich an einen Film erinnern, der einen nur am Rande interessiert. Die Szene fängt mit dem Unfall an und endet mit dem Tod des Hautdarstellers. Davor gibt es nichts und danach auch nicht.

Ich erinnere mich an kein Leben davor, was es leichter macht. Leichter mach loszulassen und das ganze neutral anzusehen. Aber was sollte auch passieren, wenn ich es nicht neutral betrachten würde? Ich glaube nicht, dass ich da wo ich jetzt bin, einen Nervenzusammenbruch erleiden könnte oder schreien oder weinen könnte. Wo auch immer ich bin.

Es ist wie man sich Nichts vorstellt, nur ohne die Beklemmung und Angst. Eigentlich gibt es hier gar keine Emotionen. Ist das hier das Ende oder ein neuer Anfang?

Warum weiß ich wie man sich das nichts vorstellt, warum erinnere ich mich an den Unfall, aber nicht an mein Leben davor? Ich muss doch ein Leben gehabt haben, oder? Irgendetwas?

Aber wie sieht so ein Leben überhaupt aus?

Egal wie sehr ich mich anstrenge, ich erinnere mich nicht. Ich weiß nicht wie ein Leben, irgendein Leben, das Leben im Allgemeinen aussieht. Ich weiß nur noch wie der Unfall, aussah. Diese paar Sekunden, die mein Leben beendeten. Habe ich letztlich nur für diesen Moment, diesen Augenblick, meinen Tod gelebt? War letztlich alles andere unwichtig?

Wenn es unwichtig war, dann ist es vielleicht auch egal, dass ich mich nicht mehr daran erinnere.

Letztlich ist es doch das worauf es hinaus läuft. Das ganze Leben steuert auf diesen einen Moment hin, der Moment in dem es zu Ende ist. Der Moment, in dem man jede Chance, die man hatte verspielt hat und in dem keine Änderung mehr möglich ist. Es ist der einzig wichtige und einzig bedeutende Moment. Der einzige und der Letzte.

Viele meinen es ist der Moment in dem man gerichtet wird, aber ich weiß es jetzt besser. Es ist einfach der Moment in dem es aufhört. Und mit dieser Erkenntnis hört es auf, höre ich auf und die Stille setzt ein.