Verfallsdatum der Hoffnung
Die Flugzeuge fliegen tief heute
Nacht. Ich kann sie hören, selbst durch die dicken
Wände. Selbst unter der Decke, die ich auf meine Ohren presse
in der wagen Hoffnung es würde nichts durch sie hindurch
dringen. Die Hoffnung, dass da nichts ist wenn ich es nicht sehen und
nicht hören kann. Meine Augen sind so fest zugepresst wie die
Decke auf meine Ohren. Ich kriege kaum Luft hier unten, es ist so
heiß. Selbst für mich klingt meine Atmung viel zu
laut, fast so laut wie das Schlagen meines Herzens. Ich würde
gern jemanden fragen ob man es draußen auch so laut schlagen
hört, aber da ist niemand. Ich bin allein. Allein in diesem
Raum, alleine in meinem Herzen, alleine auf der Welt. Da ist niemand
mehr.
Ich versuche mit diesem Gedanken klar zu kommen, versuche mich daran zu
gewöhnen, doch selbst nach Tagen, die wie Wochen, Monate,
Jahre schienen, ist der Gedanke noch immer so fremd wie am ersten Tag.
Keine Freiheit kommt mit ihm, die ich mir so verzweifelt
gewünscht und verflucht hatte. Wenigstens musst du dich nun um
niemanden mehr sorgen, habe ich gedacht.
Ich hatte gehofft, dass mein Herz leichter wird mit diesem Gedanken, dass es weniger weh tut zu glauben, dass sie nun an einem besseren Ort sind. Denn das müssen sie sein. Alles ist besser als hier.
Hier. Wo es so sehr nach Krankheit, Tod und Urin stinkt. Nach Blut. Nach so viel vergossenem Blut.
Hier. Wo jeder Schritt der Letzte sein könnte, jeder Atemzug und jeder Gedanke der Letzte. Jeder Herzschlag. Jede Hoffnung.
Hoffnung. Dieses Wort schmeckt so viel bitterer als alle anderen. Hoffnung sollte etwas Gutes sein, aber in solchen Zeiten werden vor allem Gute Dinge verdorben. Hoffnung schmeckt nicht mehr gut. Schmeckt nicht mehr nach Freiheit und Liebe und Frieden.
Es schmeckt bitter, verdorben und längst verfallen.
Das Verfallsdatum ist abgelaufen. Wann weiß ich nicht genau. Als die Flugzeuge kamen oder als die Fremden kamen?
Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß so vieles nicht mehr. Wie es war früh aufzuwachen und nicht die Sekunde zu hassen in der es geschah, den ersten Atemzug zu verfluchen, weil man so sehr gehofft hatte den letzten vor dem Einschlafen getan zu haben. Wie es war regelmäßig zu essen. Zu schlafen. Auf die Straße zu gehen ohne Angst zu haben.
Wie es war keine Frucht davor haben zu müssen um eine Ecke zu gehen, nicht befürchten zu müssen über einen Toten, sterbenden oder den eigenen Henker zu stoßen.
Wie es war unschuldig zu sein, wie es war bevor man diese verloren hat als man zum ersten mal einen Sterbenden in die Augen blickte während der letzte Geist aus diesen schwand und man spürte wie ein Teil von sich mit dem armen Sorglosen starb.
Wie es war Blumen zu riechen anstatt Tod. Wie es war…
Das Leben. Wie das Leben war.
Das hier ist kein Leben mehr. Es ist
Tod. Ein langsamer, qualvoller Tod, der so unendlich lange andauert und
den man jede Sekunde seines Seins herbeisehnt. Das Sehnen ist so viel
stärker geworden als die Angst, überschattet sie.
Hoffnung. Hoffnung zu sterben und nicht zu überleben. Was ist
wenn man überlebt? Was soll es bringen? Was ist danach?
Es ist niemand mehr da für den es sich lohnt zu leben und jede weitere Minute ist eine Minute der Qual, der Angst, des Hasses und des Sterbens.
Wenn nicht äußerlich so stirbt ein bisschen seiner Selbst mit jedem Augenblick indem die Flugzeuge über unsere Köpfe donnern, wie die Rache Gottes selbst.
Und mit jedem Flugzeug kommen sie und zerstören was die Flugzeuge ihnen lassen, zerstören sich teilweise selbst und jeden von uns, innen und außen.
Mein Herz donnert in meiner Brust und schmerzt mehr als ich für möglich gehalten hatte.
In einem egoistischen Moment wünsche ich mir, nicht allein zu sein, jemanden bei mir zu haben, der mich belügt und mir sagt, dass das Verfallsdatum der Hoffnung noch nicht überschritten ist.
Der den bitteren Geschmack durch süße Lügen nimmt.
Damit ich nicht alleine daran
ersticke.
Ich ersticke. Die Luft hier unten ist keine Luft. Abgestanden,
gefiltert durch die verdreckte Decke, den einzigen Schutz, den ich vor
der Außenwelt habe, und sei er noch so gering.
Meine Augen sind fest verschlossen und trotzen fühlen sich meine Wangen feucht von Tränen an. Ich habe nicht einmal bemerkt, dass ich angefangen habe zu weinen, aber es muss irgendwann angefangen haben. Oder vielleicht habe ich einfach noch nicht aufgehört, seit ich eingeschlafen bin.
Ich habe aufgehört mich zu fragen, wie viele Tränen ein einzelner Mensch vergießen kann. Die Decke ist voll gesogen und es stinkt.
Es stinkt nach Tod und toter Hoffnung. Hoffnung auf Besserung, auf Frieden.
Alles was übrig bleibt ist die faule Hoffnung auf einen baldigen Tod.
Und so liege ich hier, versuche zu hoffen, dass es bald ein Ende hat, egal welches und stelle fest, dass es zu spät ist. Zu spät zum hoffen.
Was kommt nach der Hoffnung?
Ich
ziehe die Beine dichter an meinen verkrampften Körper und
presse mich an die kalte Mauer hinter mir und lausche unter meiner
Decke wie der Zorn Gottes über den Himmel donnert und bete.
Bete, flehe, dass der nächste Blitz mich endlich trifft und
mir Frieden gibt.